| Die Farbe des Whisk(e)ys – Reizthema für Puristen
Holz, zumal das von der Eiche, gibt Farbe ab an den Alkohol, der darin lagert. Faßgereifte Spirituosen sind folglich im allgemeinen um so dunkler, je länger sie im Holz lagen. Aber die Verbindungen von Destillat und Holz bringen auch in der Farbe immer wieder andere Ergebnisse zuwege. Deshalb dürfen nahezu alle braunen Spirituosen mit Farbstoff »optisch korrigiert« werden. Und eben dieser Farbstoff bringt manchen Puristen schon seit einigen Jahren in Rage: es ist Zuckercouleur.
Grobe Statistiker machen es sich leicht und teilen das Meer der Hochprozenter in ›klare‹ und ›braune‹ Spirituosen; die Liköre werden als eigene Unterart der Spirituosen von dieser fragwürdigen Einteilung ausgenommen. Sie ist deswegen fragwürdig, weil das Attribut ›klar‹ nicht allein auf die wasserhellen, farblosen Spirituosen zutrifft, sondern gleichfalls auf die sogenannten ›braunen‹: Klar ist all das, was nicht trübe ist! Und auch die Farbe Braun ist als Oberbegriff hier eine glatte Fehlbesetzung. Ist ein Calvados etwa braun? Oder ein Cognac? Oder ein Whisk(e)y? Wie einfach wäre es doch, grob zu differenzieren zwischen farblosen und farbigen Spirituosen … Aber dann würden sie wieder aufjaulen, die emsigen Bedenkenträger: »Farbige Spirituosen? Ist da nicht …? Wird da vielleicht …? Wir befürchten dieses, wir raten zu jenem, wir erinnern an diesen Fall und an jenen Skandal.«
Unsereins, der jedes Nosing-glass zwecks exakter Farbbestimmung des alkoholischen Inhalts Richtung Tageslicht hebt oder zumindest vor ein blütenweißes Stück Papier hält, geht achselzuckend darüber hinweg, daß Whisk(e)y jedweder Provenienz eine »braune Spirituose« sein soll. Wir lassen uns, wenn es angebracht ist, allenfalls zu einem »herbstlichen Rötlichbraun« als Beschreibung hinreißen, ansonsten jedoch spielen wir virtuos auf dem Manual der Farbenlehre und bemühen dabei gern Edelmetall. Die Farbe Gold ordnen wir einem Whisk(e)y nicht ohne nähere Beschreibung zu: strahlend, satt, tief, kräftig, warm, blaß, gelblich, grünlich oder grün kann die Goldfarbe eines uisge beatha sein. Das banale Gelb wird durch solche Attribute wie »attraktives, blasses« aufgewertet, die Farbe Orange erscheint uns im einen Fall dunkel, im anderen hell und blaß oder gar als »orangerosa« Zwitter. Wir ziehen den Bernstein an Land, um manche Lebenswässer zu beschreiben, und – siehe da – dieses »Gold der Ostsee« ist einmal kräftig, ein andermal »kraftvoll rötlich«, ein drittesmal nur hell und schließlich sogar »pfirsichfarben«. Wir erinnern an Holz (Mahagoni, ein blasser Eichenton), an Früchte (Aprikose, Goldpflaume), an Gemüse (»rosarot, fast rhabarberfarben«) und Blumen (»warmes Schlüsselblumengelb«), wenn wir das Aussehen eines Whisk(e)ys schildern wollen. Und manchmal vergleichen wir die Farbe dieses Getränks mit der eines anderen, was unsinnig ist, weil das zum Vergleich bemühte Getränk ja selbst in unterschiedlichen Farben auftritt. Wie haben wir uns einen »orangenlikörfarbenen« Whisk(e)y vorzustellen? Und wie einen »weißweinfarbenen«? Ja – manchmal entläuft uns bei der Beschreibung die Phantasie wie ein wildgewordenes Pferd.
...lesen Sie weiter im Whisky-Botschafter Heft 2006/2 Frühjahr (zum Abo-Service)
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