Wo der Whiskey ein Wirrwarr ist

 

In Kentucky verliert man schnell den Überblick

Der Bourbon-Trail ist in Kentucky das, was in Schottland der Whisky-Trail ist: eine Route, die zu besonders besuchenswerten Destillerien führt. Die Tour im »Bluegrass State« bringt uns an sechs Quellen des Bourbons. Allein diese bringen schon eine Vielzahl von Marken heraus. Wenn wir das Sortiment dieser sechs Brennereien als Maßstab anlegen, kommen wir zu dem Schluß, daß es dort in Kentucky zwar viele Marken, aber relativ wenige Hersteller gibt. So ist es.

markiger Westen
Diesen Bourbon-Trail kann man sich wie eine Uhr vorstellen: Buffalo Trace, wie Ancient Age seit sechs Jahren heißt, wäre auf deren Zifferblatt 13 Uhr; Four Roses und Wild Turkey stünden gemeinsam für 15 Uhr, Maker’s Mark würde, es wäre jetzt kurz vor 18 Uhr, die »Blaue Stunde« ankündigen, bei Heaven Hill wäre – eine Stunde später – ein frühes Dinner fällig, und Jim Beam würde uns zu einem Night-Cup animieren, denn die Brennerei stünde für 22 Uhr.

Wir können diese Gedanken etwas weiterspinnen. Wenn wir in jeder dieser sechs Brennereien, die ganz offiziell am Bourbon-Trail hängen, jede der dort produzierten Marken – im Sinne von Whiskeys mit jeweils eigenem Namen – getrunken hätten, stünden drei Dutzend Whiskeys in unserer Tagesbilanz. Dabei hätten wir nur die bekanntesten Marken dieses Sextetts berücksichtigt, nicht die Sonderabfüllungen für diverse Länder, für verschiedene Importeure, für Kaufhäuser, Clubs oder sonstwen. Stefan Gabány listet in seinem Buch ›Schumann’s Whisk(e)y Lexikon‹ zehn Dutzend Markennamen von Bourbon- und Rye Whiskeys auf; gleichmäßig auf die kaum mehr als zwei Handvoll Destillerien verteilt, die Jim Murray in seinem Buch ›Classic Bourbon, Tennessee & Rye Whiskey‹ unter Kentucky vorstellt, kämen rein statistisch zehn Marken auf jede dieser Brennereien.
Zehn Marken! Marken!! Nicht etwa Abfüllungen. Wenn wir diese noch zählten, müßten wir allein hinterm Markennamen Ancient Age schon vier Striche machen: 4 years old, 10 years old 107°, 10 years old 86° und 6 years old 90°; hinzu kämen, um in dieser Brennerei zu bleiben, einmal Benchmark, viermal Blanton’s, ein Eagle Rare, ein Elmer T. Lee sowie einmal Hancock’s Reserve. In der Heaven Hill Distillery würde uns schwindelig allein vom Zählen der zahllosen Marken, die jeweiligen Abfüllungen würden uns dann den Rest geben: fünfmal Heaven Hill, ebensooft Evan Williams …

Aber bei Heaven Hill brauchen wir derzeit nicht reinschauen. Denn die Vielzahl der Whiskeys dieser Firma wird in der Bernheim Distillery hergestellt. Die hat Max Shapira – Vizepräsident im Familienunternehmen Heaven Hill – 1999 von Diageo gekauft. Denn Heaven Hill Distillery, die Bardstown-Besucher und Bilderbeschauer noch als eine gewaltige Ansammlung gewaltiger Gebäude mit grünem Umfeld in Erinnerung haben, gibt es so nicht mehr, seit dort im November 1996 eine Feuersbrunst einige Lagerhäuser komplett vom Erdboden gefegt und das Destilleriegebäude völlig zerstört hat. Shapira mietete daher von Brown-Forman für vier Tage in der Woche deren Early Times Distillery für seine Produktion. Der Gedanke an einen Wiederaufbau der Heaven Hill Distillery dürfte endgültig vom Tisch sein, seit Bernheim als eigene Produktionsstätte verfügbar ist.

...lesen Sie weiter im Whisky-Botschafter Heft 2006/3 Sommer (zum Abo-Service)

zurück