Whisk(e)y-Studienreisen

 

Zur Zeit keine Studienreise geplant

Die Speyside, Orkney und Edinburgh brachten...
...reiche Beute für Informationsjäger

Ein Individualtourist hätte die Termine nie unter einen Hut gebracht. Er hätte auch nicht überall dort Einlaß gefunden, wo für die Teilnehmer der Studienreise die Türen weit offenstanden. Christian H. Rosenberg hat diese Jagd nach Whisky-Informationen protokolliert.

Die Reisenden sind eingeflogen von Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und Zürich. Von London aus fliegt die 14köpfige Gruppe nach Aberdeen. Die Fahrt nach Grantown-on-Spey zeigt einiges von der Schönheit des Östlichen Hochlands. Grantown-on-Spey ist einer der Punkte, die das "Goldene Dreieck" bilden, in dem die meisten Malt-Whisky-Brennereien liegen. Zwei Stunden nach dem Einchecken im Craiglynne Hotel sind die Whiskyfreunde aus Deutschland und der Schweiz bereits wieder unterwegs. Ziel ist die Strathisla Distillery in Keith.

Eine Distillery Tour, eine Führung durch die gesamte Anlage, gibt es zweifellos in vielen Brennereien aber eine Besichtigung am späten Abend (es ist 20 Uhr durch) darf als Vorzugsbehandlung gewertet werden. Und eben die wird unserer Gruppe bei Strathisla zuteil. Es gibt einiges zu sehen in der ältesten Whisky-Brennerei des nördlichen Schottland. Gärbottiche aus Holz zum Beispiel hat längst nicht mehr jede Distillery, und gleich elf Stück davon auch nicht.

Treppauf, treppab, von Gebäude zu Gebäude zu gehen und dabei Eindrücke und Informationen aufzusaugen wie ein Schwamm das Wasser das macht Appetit. Auf Eßbares ebenso wie auf Trinkbares. Das Dinner bei Strathisla straft das Ondit vom schottischen Geiz Lügen. Und für einen Ohrenschmaus hat der Betreiber die Chivas Bros. Ltd. auch gesorgt: Zum Dinner spielen die "Strathspey Fiddler" auf und machen damit den abendlichen Genuß vollkommen.

Die Nacht ist ziemlich kurz der Vormittag des Donnerstags sieht die Studienwilligen bereits im Tal des Livet, genauer gesagt, in der Brennerei, die das Wort Glenlivet nicht als Anhängsel an den Malt-Namen anzuhängen braucht, sondern solo aufs Etikett schreiben darf, und das auch noch mit dem Artikel "The". In The Glenlivet Distillery erwartet ein Tasting der Masterclass die deutschsprachigen Besucher. Der Original-Livet ist ein Klassiker unter den Scotch Malts, die Warehouses der Brennerei bergen rare, alte Destillate, und so bleibt diese Verkostung ebenso nachhaltig in der Erinnerung wie die Führung durch die pagodengekrönte Anlage.

Das Programm für diesen Tag hat einen "Destillerien-Dreisprung" vorgesehen. (Es sollen dann allerdings vier werden, weil wir Glenrothes noch "mitnehmen", die an unserem Weg liegt.) Doch bevor wir uns in der nächsten Distillery gründlich umsehen, nehmen wir Lunch in The Dowans Hotel im Städtchen, das so heißt wie die Brennerei (oder ist¹s umgekehrt?). Ein prächtiges Gebäude ist dieses Hotel, außen wie innen. Die Bar reizt mit einer sehenswerten Auswahl an Whisky zum Verweilen, aber Whisky werden wir sicherlich auch in der Aberlour Distillery bekommen Gastfreundschaft ist schließlich eine der höchsten Tugenden der Schotten. Nicht jeder bekommt Zutritt zu dieser Destillerie im Herzen der Speyside uns wird eine komplette Betriebsbesichtigung gewährt, von der Mash tun aus Edelstahl über die sechs Wash backs bis zu den zwei Wash- und Spirit stills, die mit Dampf beheizt werden und um die drei Millionen Liter Alkohol pro Jahr produzieren können. Viel Zeit haben wird zwar nicht (wg. "Dreisprung"!), aber für den Dochan doris muß es einfach reichen dieser weiche, sehr aromatische Aberlour mit seinen feinen Nuß- und Sherrytönen ist ganz einfach zu gut...

Die Gastgeber wechseln. Bisher waren wir in Brennereien, die der französischen Gruppe Pernod Ricard gehören. Jetzt steuern wir die an, deren Whisky einmal als "der Rolls Royce unter den Malts" bezeichnet wurde: The Macallan ist Eigentum der 1887 Group. Den Firmensitz, das Easter Elchie House, hat jeder schon einmal gesehen, auch wenn er noch nie in Schottland war: Das Gebäude ist sozusagen das Logo von Macallan. Natürlich besichtigen wir diese Destillerie, die nicht nur zu den renommiertesten in Schottland gehört, sondern auch zu den größten (mit einer Kapazität von fünf Millionen Liter pro Jahr), wie die vorherigen sozusagen bis in die letzte Ecke.

Zur Distillery Tour gehört stets ein dram, und der gute Schluck vom Macallan verscheucht die ersten Ermüdungserscheinungen ebenso wie Kaffee und Tee in der jetzt fälligen Pause. In der "Grand Cru" Speyside zu sein und die Speyside Cooperage nicht zu besuchen, wäre wie eine Visite in München ohne Abstecher ins Hofbräuhaus. In der gewaltigen Küferei werden Legionen von Fässern ausgebessert, um wieder Whisky aufnehmen zu können. Der Familienbetrieb hat sich perfekt auf Besucher eingestellt, Shop mit Blick auf ein Gebirge von an der Luft lagernden Fässern inclusive. Holz, das nicht mehr für die Whisky-Alterung zu gebrauchen ist, wird hier als rustikales Gartenmobiliar verkauft und das endgültig ausgediente ist immer noch wertvoll: Es wird noch sehr gerne zum Räuchern von Lachsen verwendet.

Über Elgin und Forres erreichen wir Nairn, einen malerischen Ferienort nordöstlich von Inverness. Hier beziehen wir Zimmer im Golf View Hotel & Leisure Club. Nach dem Abendessen Highland Style sollte es nicht mehr zu spät werden, denn für Freitag ist ein frühes Frühstücken angesagt. Das hat einen ganz plausiblen Grund:

Um 9.30 Uhr startet in Inverness unser Privatflug nach Orkney, genauer gesagt: auf die Hauptinsel Mainland, noch genauer: nach Kirkwall, der Hauptstadt der zahllosen Inseln, die sich in ihrer Gesamtheit Orkneys nennen. Eine Sightseeing-Tour bietet sich an, denn auf Mainland gibt es eine Menge zu sehen. Mit einem Seafood-Lunch stärkt sich die Gruppe für das Highlight dieses Tages, für die Highland Park Distillerie. Nein, wir kriegen keine Führung in dieser Brennerei, uns wird eine VIP-Führung zuteil. Innerhalb der prächtigen Anlage aus regionalem Gestein sehen wir eine traditionelle Malting floor: die Brennerei erzeugt einen Großteil ihres Malzes noch selber. Wir bekommen ein Dutzend hölzerner Gärbottiche zu sehen, vier kupferne Pot stills und mit Orkney-Torf bestückte Feuer unter der Darre. Die nördlichste Destillerie Schottlands darf zweifellos zu den Sehenswürdigkeiten der Orkneys gezählt werden.

Fast überflüssig zu erwähnen, daß Distillery Manager Russell Anderson ein Tasting vorbereiten ließ, das lehrreicher ist als stundenlange Theorie und manchen dazu verleiten könnte, einfach hierzubleiben auf Orkney. Doch um 17 Uhr soll der exclusive Flieger wieder starten und ein Abend in der Highland-Hauptstadt Inverness hat gewiß auch seine Reize.

Im Kingsmill Hotel nehmen wir Dinner und Logis für eine Nacht. Schlaf tut not, denn den Samstag verbringen wir größtenteils "on the road". Wir fahren durch die schönsten Regionen des Hochlandes nach Edinburg und machen dabei einen außerplanmäßigen Halt bei der Edradour Distillery. Wir passieren den Wintersportort Aviemore und Blair Castle, wo alljährlich Leute zu Keepers of the Quaich ernannt werden, die sich um den schottischen Whisky verdient gemacht haben. Wir fahren durch Pitlochry, den für Wollprodukte bekannten Ferienort, der geographischer Mittelpunkt von Schottland ist. Wir sehen Perth, die Kleinstadt, der Sir Walter Scott ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Wir hatten "Lunch on Tour" und dann sind wir in Edinburgh.

Das Balmoral Hotel ist ganz sicher eine der besten Adressen dieser Stadt, die von nicht wenigen und mit Recht zu den schönsten der Welt gezählt wird. Aber wer bleibt schon im Hotel (und sei es auch noch so schön und luxuriös), wenn für den Rest des Tages Zeit bleibt für Shopping und Sightseeing in der Hauptstadt der Scots? Und wenn am Abend, Samstagabend!,
"Pub-Besuch in der Altstadt" auf dem Programm steht? Niemand!

Dem Muß für die Malt-Liebhaber wird am Sonntagvormittag nachgekommen: Das Whisky Heritage Center, nur wenige Schritte vor Edinburgh
Castle gelegen, ist genau der richtige Schlußpunkt am Ende einer Studienreise, in deren Mittelpunkt zwar der Whisky zu stehen hatte, die den
Reisenden aber zusätzlich zu sachbezogenen Informationen eine Vielzahlvon bleibenden Eindrücken mit auf den Heimweg gab.