Nahezu drei Viertel seines Geschmacks bekommt ein Whisky oder Whiskey im Laufe seiner Reifung. Erst das Zusammenspiel von Luft, Holz und Zeit macht aus einem farblosen Destillat ein Genussmittel von appetitlichem Aussehen. Was läuft da ab im Fass? Wie kommt der künftige Whisk(e)y an seine Farbe und an seine Aromen? Karl Rudolf ist der Reifung auf den Grund gegangen.

Mag ja sein, dass dieser new spirit oder ?white dog? für Master Distiller und Master Blender diesseits oder jenseits des Atlantiks eine Art Kaffeesatz ist, aus dem sie schon so manches über die zukünftige Beschaffenheit ihres Whiskys oder Whiskeys herauslesen können. Jedoch für unsereins, dem die höheren Weihen der Sensorik bis dato noch versagt blieben, ist dieses frisch aus der Brennblase abgezogene Destillat die Folter schlechthin: Es peinigt die Nasenwände wie ein mit Pfeffer versetzter Schnupftabak, es zwickt die Zunge, reizt den Gaumen, ätzt die Kehle und entzündet im Magen das Feuer der Hölle. Es ist zu fürchten, dass die Leber nach einem kräftigen Schlag mit dieser hochprozentigen Peitsche allenfalls noch als Köder beim Hochseeangeln auf Haie zu gebrauchen ist.
Zugegeben, dass dieser Einstieg ein klein wenig überzogen ist. Ganz so schlimm ist dieser Frischgebrannte, den Scottish Distillers früher ?clearic spike? zu nennen pflegten, nun auch wieder nicht. Immerhin wurde hier nur der von Vorlauf und Nachlauf ? mithin von den unerwünschten Inhaltsstoffen ? getrennte, reine Mittellauf aufgefangen. Doch selbst der ist von einem Genussmittel so weit entfernt wie das Jägerschnitzel von der wahren Grande Cuisine. Um die ?guten Gene? dieses späteren Whiskys oder Whiskeys auszubilden, um ihm seine sinnesfeindlichen Eigenschaften auszutreiben, ist ein langwieriges Verfahren nötig, Reifung genannt.