
Auf dem Staatsgebiet der USA hätten 125 Länder von der Größe Schottlands ausreichend Platz. Die kaum mehr als fünf Millionen Schotten könnten in Maryland, einem der kleinsten unter den 50 Unionsstaaten, mühelos unterkommen. Die Vereinigten Staaten von Amerika spielen ihre Rolle als Weltmacht, Schottland gehört dem Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland an und hat, nach 292 Jahren, erst 1997 wenigstens ein Teilautonomie-Parlament durchsetzen können.
Aber: Das große, das mächtige, das selbstbewusste Amerika steht als Whiskeyland ganz tief im Schatten Schottlands! Die Nachkommen jener Einwanderer aus Europa, die das Brennen von Getreide in der Neuen Welt populär machten und zu einer Industrie ausbauten, bringen gerade mal ein Drittel der Menge auf den Weltmarkt, die von den schottischen Brennereien abgesetzt wird. Es muss einer schon Chauvinist sein oder ein schlichtes Gemüt haben, um die gewaltige Differenz zwischen den Absätzen an Scotch Whisky und American Whiskey damit erklären zu wollen, dass Scotch besser sei als Bourbon. Tatsächlich gibt’s diesseits des Atlantiks anteilig ebensoviel Mittelmäßiges wie jenseits; zweifellos findet sich zwischen den von Roggen oder Mais geprägten Whiskeys prozentual nicht weniger Lobenswertes als unter den Whiskies, die nur aus gemälzter Gerste erzeugt oder aus vielen verschiedenen Malts und wenigen Grains zum Scotch Blend verschnitten werden.
Traurige Tatsache ist, dass viele Amerikaner lieber kanadischen oder schottischen Whisky trinken als ihren Bourbon, ihren Tennessee oder gar ihren Straight Rye, den ersten „gewerblichen“ Whiskey der damals noch gar nicht vereinigten Staaten von Amerika. Was ihren Großvätern mundete, ist den Enkeln fremd geworden: zu intensiv im Geschmack, zu wuchtig, zu würzig, zu „derb“. Sie sind die „leichteren“ Whiskys aus Schottland und die von ihrem nördlichen Nachbarn Kanada gewohnt, weil sich bereits ihre Väter umstellen mussten: Die Prohibition – jenes gescheiterte „noble Experiment“ – hatte zwischen dem 17. Januar 1920 und dem 5. Dezember 1933 eine ganze Generation von Amerikanern regelrecht dazu gezwungen, sich mit fremdem Whisky anzufreunden. In den knapp 14 Jahren des Verbots, Alkohol zu produzieren (außer als Medizin), zu verkaufen und auszuschenken, schmuggelten Kanadier ihre leichten Blends in diesen ausgetrockneten Markt. Als die Schotten erkannten, welch gewaltige Gewinne sich auf der anderen Seite des Meeres mit illegal eingeführtem Whisky erzielen ließen, machten sie die moralischen Schotten dicht und ließen ihre Blended Whiskys ebenfalls in die USA schmuggeln. Sie schufen sogar eigens relativ leichte, helle Blends wie den Cutty Sark, um den US-Amerikanern eine Alternative zum Canadian bieten zu können.









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