Klicken Sie hier um zur aktuellen Ausgabe zu gelangen

Der doppelte Diener

Ein herkömmlicher, auf die so genannte Trinkstärke gebrachter Whisky oder Whiskey besteht mehrheitlich, ein direkt aus dem Reifefass abgefüllter immerhin noch zu 30 bis 40 Prozent aus Wasser. Dieses überlebensnotwendige Element ist freilich nicht nur ein wesentlicher Bestandteil des Endprodukts Spirituose, es ist beim Mälzen und beim Abkühlen der Alkoholdämpfe auch ein Hilfsmittel. Unser Autor KARL RUDOLF ging diesem ?doppelten Diener? der Brauer und Brenner auf den Grund.
In seinem 1986 erschienenen Buch mit dem drohenden Titel „Stirbt das Wasser, stirbt der Mensch“ stellt der Autor Wilhelm Schneider fest, dass jeder von uns im Lauf seines Lebens 60.000 bis 70.000 Liter Wasser zu sich nimmt, „in welcher Zubereitung auch immer“. Nun, bei den Lesern dieser Zeilen summiert sich im Lauf der Jahre auch der Wasseranteil im Whisky oder im Whiskey zu einer stattlichen Literzahl. Immerhin enthält ein unverdünntes „Wasser der Lebens“ noch 30 bis 40 Prozent Wasser, gewöhnliches Wasser, „Ha-zwei-O“, wie die Gebildeten sagen.

Nun ja, ganz gewöhnlich ist das mit Alkohol und Aromen angereicherte Wasser als unverdünnter Whisky oder Whiskey in Fassstärke sicherlich nicht mehr, schließlich hat es einen aufreibenden Weg hinter sich. Erst spülte es die Stärke aus dem eingeweichten oder – in Härtefällen wie beim Mais – gekochten Getreide und half den Enzymen dabei, diese in vergärbaren Zucker umzuwandeln. Dann musste es das wilde Treiben der Hefe ertragen, die in ihrem Vermehrungsdrang den Zucker auffraß und dafür Alkohol im Wasser hinterließ und dieses auch noch mittels Kohlensäure zum Blubbern brachte. Leicht alkoholisiert wurde es dann in einem Durchgang mehrfach durch Brennsäulen oder zwei-, eventuell auch dreimal durch klassische Brenntöpfe getrieben und dabei kräftig dezimiert. Dem nun stark alkoholisierten Wasser wurde dann wieder so viel von seinesgleichen beigegeben, dass der zukünftige Whisk(e)y die ideale Stärke für mehrere oder viele Reifejahre im Fass hatte…

Spätestens in diesem Stadium redet niemand mehr vom Wasser. Das ist selbstverständlicher Bestandteil der Spirituose geworden. Allenfalls einige Wissenschaftler, Brauer, Brenner oder interessierte Laien sinnen darüber nach, ob das Wasser einige seiner Eigenschaften über die drei Phasen Brauen, Brennen und Reifen herüberretten konnte in den jetzt fertigen schottischen oder kanadischen Whisky, den irischen oder den amerikanischen Whiskey. Schließlich haben uns Mineralbrunnenbohrer und Bierbrauer oft und lange genug mit der Erkenntnis gelöchert, dass zwischen Wasser und Wasser kleine Welten liegen können. Ob es hart oder weich ist, bestimmt der Untergrund, aus dem es zutage fließt oder gefördert wird. Es kann den Geschmack und die Farbe von Torf mit in die Maische bringen, wenn es in Schottland auf seinem Weg in die Destillerie durch die Moore geflossen ist. Es kann verschiedene Mineralien in verhältnismäßig großer Menge enthalten, nur sehr wenige oder aber überhaupt keine. Es kann ein Tiefen-, ein Oberflächen- oder auch ein Grundwasser sein. Aber es muss sauber sein und für lange Zeit – am besten für immer – in ausreichender Menge verfügbar. Bevor einstmals ein Baumeister den Grundstein für eine Brennerei legen durfte, war der Rutengänger am Zuge: Erst wenn dieser eine Wasserader aufgespürt hatte, stand der Platz für die Brennerei fest. Die UDV soll noch so einen Wasserpfadfinder beschäftigt haben, wie Jim Murray ermittelt hat; ob er auch noch in Diageo-Diensten steht, war nicht herauszufinden.