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Die Verkannten und die Verlorenen

ZUGEGEBEN, ALS ?GRAND CRU? DES MALT WHISKYS GILT ER JA NICHT, der nordwestliche Zipfel des schottischen Festlands. Wer aber zu einer Tour von Inverness nach Wick aufbricht, darf sich nicht nur auf eine höchst reizvolle Landschaft und mancherlei ehenswürdigkeiten freuen, sondern auch auf ein paar probierenswerte Malts. KARL RUDOLF macht heute den Reiseführer.
Chauvinisten, versnobte! Sitzen da vor ihren drams und missionieren mich bis zur Weißglut: Malt von der Speyside sei das einzige, was einem echten Kenner über die Zunge gehen dürfe, aber natürlich nicht jeder Malt aus der Vorzeigeregion Whisky-Schottlands. Der andere Nachbar an dieser Bar, ebenfalls ein Scotsman, lässt zumindest auch Islay als halbwegs lohnenswertes Ziel für den Malts&more-Suchenden gelten, aber keineswegs aller Islay Malts wegen. Von der Tour ab Inverness über die A9 bis hinauf nach Wick rät mir das lokalpatriotische Duo vehement ab: nichts los da oben – nichts Wichtiges zu sehen – kaum eine Handvoll erwähnenswerter Single Malt Whiskys… Jetzt erst recht – ab in den Nordwesten!

Reisender, kommst du nach Inverness, so gedenke der alten Zeiten. Die Metropole der Highlands, eine zumindest im Kern attraktive Stadt mit gut 40.000 Einwohnern, war zeitweise das Zentrum florierenden Destillierens. Glen Albyn, Glen Mhor und Millburn sind heute noch geläufige Namen von Malt Whiskys, auch wenn die Brennereien längst nicht mehr existieren. Ein Einkaufszentrum hat den Platz eingenommen, wo einmal die zeitweiligen Schwesterbrennereien Glen Albyn und Glen Mhor standen, dort, wo sich Great North Road und Caledonian Canal kreuzen. Aus Resten von Millburn am gleichnamigen Wasser wurde vor fast 20 Jahren ein Restaurant. Eines nicht mehr fernen Tages wird auch dieses Malz-Trio Geschichte sein, so wie Ballackarse, Phopochy, Polnach und Torrich Namen von Destillerien sind, die allenfalls noch in irgendeinem Archiv zu finden sind.

Immerhin ist Royal Brackla noch in Betrieb. Aber die steht ein gutes Stück Wegs nordöstlich von Inverness, wird von den Malt-Whisky-Geografen zur Speyside gezählt und interessiert folglich hier und heute nicht. In der Stadt an der Mündung des Caledonian Canal in den Moray Firth erinnert nichts mehr daran, dass auch innerhalb ihrer Mauern gebrannt wurde, was die Kessel hielten, und das schon vergleichsweise früh: Bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts hatte der Magistrat von Inverness offizielle Verkoster ernannt, welche die Qualität der Whiskys zu prüfen und die Preise für das Getränk festzusetzen hatten. Das war kaum mehr als 50 Jahre nach jenem historischen Datum, an dem das „uisge beatha“ Schottlands zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. Sogar ein Bürgermeister von Inverness machte sich um das „Wasser des Lebens“ verdient: John Sutherland baute 1846 eine alte Brauerei am Ufer des Caledonian Canal zur Glen Albyn Distillery um. Die allerdings brannte drei Jahre später ab, und der Wiederaufbau ruinierte das Stadtoberhaupt. Die Brennerei ließ sich nicht verkaufen, wurde zur Mühle umgebaut und erst 1884 von den neuen Besitzern Gregory & Co. wieder in eine Brennerei zurückverwandelt. Acht Jahre später baute Glen Albyns Manager John Birnie gemeinsam mit James Mackinlay genau gegenüber der Brennerei die Glen Mhor Distillery.

Mit Geschichten über die Geschichte schottischer Brennereien ließe sich mühelos ein Buch füllen. Mit Legenden über Persönlichkeiten auch. Eine Statue auf der Esplanade erinnert an Flora MacDonald, die anno 1746 Charles Edward Stewart alias „Bonnie Prince Charlie“ nach seiner Niederlage auf dem Schlachtfeld von Culloden zur Flucht durch die feindlichen Linien verhalf. Der Prinz soll dem Mädchen von der Insel Skye zum Dank für dessen Hilfe das Rezept für den Likör geschenkt haben, den wir heute als Drambuie kennen. Ob das nun Wahrheit oder Legende ist, jedenfalls büßte Flora für ihre Unterstützung: Sie wurde wegen Hochverrats für acht Monate im Londoner Tower eingekerkert.