
Cork, zweitgrößte Stadt der Republik Irland, hat sich ab Ende des 15. Jahrhunderts den Beinamen „Rebel City“ gleich mehrfach verdient. Doch die Corkonians lehnen sich längst nicht mehr gegen Obrigkeiten auf, stattdessen philosophieren, schwadronieren und debattieren sie Mitbürger und Gäste nicht selten in Grund und Boden. Wer Cork besucht, den Verwaltungssitz des gleichnamigen Countys in der Provinz Munster, der muss sich auf tausendundeine Frage nach seiner Herkunft und dem Grund seines Besuchs in Corcaigh gefasst machen, er muss Spaß verstehen, Ironie ertragen und nicht selten skurrile Ansichten über den Gang der Dinge hinnehmen können, ohne die Contenance zu verlieren. Die Einheimischen revanchieren sich mit einer Gastfreundschaft, wie sie heute nur noch selten irgendwo anzutreffen ist.
Die Stadt am River Lee ist zwar nicht gerade gespickt mit Sehenswürdigkeiten, aber ein ausgedehnter Bummel lohnt allemal: Cork hat fast südländisches Flair, die Pub- und Musikszene reicht für Tage, der historische Stadtkern zwischen den beiden Armen des Lee ist ein Fest für die Sinne. St. Finbarr’s Cathedral steht auch bei diesem Aufenthalt wieder auf meinem Programm – das frühgotische Bauwerk ist schließlich dem Heiligen gewidmet, der das Kloster gründete, aus dem letztlich diese Stadt erwuchs. Ein Blick nach oben: Der Engel auf der Kirche glänzt noch immer golden – Grund zur Sorge um Erde und Menschheit besteht nach Ansicht der Corkonians erst, wenn er grün angelaufen ist.
Gut, gehe ich also hinter Gitter. Soll heißen, ich begebe mich in den Ortsteil Sunday’s Well und dort in das Cork City Goal, um mir einen Eindruck vom Gefängnisalltag im 19. Jahrhundert zu machen. Doch vorher fahre ich noch nach Cobh, zum Seehafen von Cork. Dort ankerte am 11. April 1912 die „Titanic“ ein letztes Mal. Über dieses Schiff und über die 1915 von einem deutschen U-Boot versenkte „Lusitania“ informiert im Cobh
Heritage Centre, genauer gesagt, im viktorianischen Bahnhof, eine audiovisuelle Ausstellung.
Cork, die Stadt, war einmal eine Whiskeymetrople. In ihren Mauern gab’s einst mindestens vier Destillerien von Bedeutung: Daly’s, North Mall, The Green und Watercourse. Diese und Murphy’s Distillery im nahen Midleton schlossen sich 1867 zur Cork Distilleries’ Co. Ltd zusammen, die rund ein Jahrhundert später in der Irish Distillers Group aufging. Das County Cork war ein idealer Platz für Brenner: Diese Grafschaft ist eine der Kornkammern Irlands; die Gerste wuchs quasi direkt vor der Haustür. Einen Hewitt’s auf die Vergangenheit und einen Paddy’s hinterher: Diese zwei Marken sind in Cork geschaffen worden. Gegen den Durst wird zuerst ein Beamish bestellt, dann ein Murphy’s. Beide Biere werden in Cork gebraut, sind aber längst in ausländischer Hand: Beamish in der von Heineken, Murphy’s in der von Scottish & Newcastle. Die eine Hälfte der Corkonians bevorzuge die eine Marke, die andere greife zur anderen, hat einmal ein Einheimischer gesagt und den Satz angehängt: „Der Rest trinkt Guinness.“ Bei diesem Lehrstück Cork’scher Prozentrechnung blieb eine kleine feine örtliche Marke außen vor: Die Franciscan Brewery im Stadtteil Shandon braut ein vorzügliches Bier.









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