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Whiskys Wiege im Westen

Es ist gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass Schottlands erstes ?uisge beatha? aus Getreide auf der Insel Islay gebrannt wurde. Karl Rudolf hat sich mit der Geschichte und Gegenwart der Brennereien auf der Hebrideninsel befasst.
Knapp vierzehneinhalb Millionen Liter Alkohol können die acht Brennereien auf der Insel pro Jahr destillieren, rein theoretisch. Wenn alle ihre Produktionskapazität auch voll nutzten, ließen sich rund 48 Millionen bottles herkömmlicher Größe mit 43-prozentigem Single Malt von Islay füllen. Aber es ist nicht die Quantität, die der Insel, deren Größe noch nicht einmal an die Hamburgs heranreicht, den Beinamen „Whisky Island“ eintrug. Es ist der eigenwillige Charakter ihrer Whiskys, der diese zu Favoriten der Blenders machte, Islay in den Stand einer eigenen Malt-Region erhob und ihrem Single Malt letztendlich zu Weltruhm verhalf.

Wahrscheinlich haben die Ilich, die Bewohner von Islay, unter allen Schotten die längste Erfahrung mit uisge beatha. Es gilt heute als sicher, dass das Wissen um die Destillation von Irland aus über die Inseln auf das schottische Festland kam. Iren destillierten bereits im 14. Jahrhundert, allerdings nur Wein, wie dem „Red Book of Ossory“ aus dem Jahr 1316 zu entnehmen ist. Die Ilich gehörten zweifellos zu den ersten Scots, die das Brennen von jenen Mönchen und Heilkundigen lernten, die von Irland aus einwanderten.

James IV., für den Bruder Cor anno 1494 „eight bolls of malt“ zu aqua vitae brennen musste, hat das „Wasser des Lebens“ vermutlich auf Islay kennengelernt, als er auf dieser Insel die „Lordship of the Isles“ auflöste und John 4th Lord of the Isles entmachtete. Dass der schot­tische König ein Jahr später Malz für sein aqua vitae an den Klosterbruder in den Lowlands liefern ließ, deutet darauf hin, dass auch jenes uisge beatha, das er zuvor auf Islay kennengelernt hatte, aus gemälztem Getreide statt aus Wein gebrannt worden war.

Es war auf Islay nicht anders als im übrigen Schottland: Das uisge beatha war ein Hausbrand, eine Möglichkeit, überschüssiges Getreide zu verwerten und womöglich mit dem Verkauf dessen, was nicht selbst konsumiert wurde, noch etwas zu verdienen. Dass die Brenner der Frühzeit durchaus ehrgeizig waren, lässt sich dem 1703 von Martin Martis veröffentlichten Buch „A Description of the Western Islands“ entnehmen. Darin wird „trestarig“ erwähnt, ein offenbar dreifach destilliertes uisge beatha. Kommerzielle Brennereien wurden auf Islay erst im 18. Jahrhundert errichtet, aber das Brennen muss zu jener Zeit geradezu ein Volkssport gewesen sein. So klagte 1794 der Priester von Kildalton: „Die hier hergestellte Menge Whisky ist riesig; und das Böse, das dem exzes­siven Trinken folgt, ist überall auf der Insel zu sehen.“ Zu der Zeit war Islay noch „rechtsfreier Raum“: Bis ins Jahr 1797 waren keine Steuerbehörden auf der Insel vertreten, und noch 1800 erwog die Obrigkeit, Militär dorthin zu entsenden, um das Schwarzbrennen endlich in den Griff zu bekommen.