Der märchenhafte Aufstieg des japanischen Whiskys

Ein Phönix aus der Asche


Foto: Adobe Stock - yucatana
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Die Geschichte des japanischen Whisky ist kurz, aber heftig. Nach schwierigen und harten Anfangsjahren zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreichte der Whisky im Land der aufgehenden Sonne einen eher zweifelhaften Ruf – er wurde in Massen getrunken, aber nur in Maßen bejubelt. Nach einer dramatischen Talfahrt in den 1990er Jahren schien er dem Untergang geweiht, als er sich plötzlich wie ein strahlender Phönix aus der Asche erhob und die Whisky-Welt in Staunen versetzte. Unsere Autorin Margarete Marie hat die bemerkenswerte Geschichte des japanischen Whiskys nachgezeichnet.

 

Es war ein klarer und sonniger Tag im März 2012, als eine kleine Gruppe von Männern vor dem leeren Lagerhaus einer stillgelegten Whiskybrennerei in Japan stand. Die Abendsonne ließ den nahegelegenen Vulkan-Berg Asama in goldenem Licht erstrahlen. Einer der Männer hatte eine Flasche japanischen Whisky dabei, die den Namen Asama trug, genau wie der Vulkan. Gebrannt worden war der Whisky vor mehr als einem Jahrzehnt in eben jener geschlossenen Brennerei, auf deren Gelände sich die Männer nun befanden. Ehe jeder von ihnen einen Schluck aus dieser Flasche trank, gossen sie den ersten Dram in den frostigen Schnee zu ihren Füßen. Der Tag war lang und anstrengend gewesen, und man wollte die Geister an diesem Ort mit dieser kleinen Opfergabe günstig stimmen.

 

Aus der Rückschau betrachtet, müssen die Geister damals sehr zufrieden mit ihrer Opfergabe gewesen sein, denn sie haben seither eine wohlwollende Hand über jene Männer gehalten. Und obwohl das Schicksal es mit der kleinen Brennerei am Fuße des Asama nicht ganz so gut gemeint hat, gehört der Whisky aus dieser Brennerei mittlerweile zu den teuersten der Welt, und schon allein der Name reicht, um Whisky-Fans auf der ganzen Welt in ehrfürchtige Begeisterung zu versetzen.

 

Der Name der Brennerei war – einige unserer Leser haben es sicher erraten – Karuizawa Distillery, und ihr Ruf ist inzwischen legendär. 2012 jedoch – ist das tatsächlich erst sieben Jahre her? – kannte bei uns kaum jemand diese Brennerei. Und auch die übrigen japanischen Whisky-Brennereien waren bis dahin außerhalb Japans nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt. Die Geschichte des japanischen Whiskys hat an diesem Tag nicht begonnen. Doch sie befand sich in einer entscheidenden Wendephase.

 

Mit zu jener illustren Gruppe von Männern gehörte auch Sukhinder Singh, der Gründer und Mitbesitzer des britischen Online-Handels „Whisky Exchange“, der taiwanesische Whisky-Broker Eric Huang, ein Vertreter des französischen Whisky-Hauses „La Maison du Whisky“ und Dave Broom, renommierter Whisky-Autor aus Schottland. Ihre Gastgeber waren Marcin Miller und David Croll, seit 2006 Besitzer der japanischen Whisky-Import-Firma „Number One Drinks“. Sie waren zusammengekommen, um die letzten verbliebenen Fässer von Karuizawa zu erwerben.

 

Number One Drinks hatte wenige Jahre zuvor begonnen, besondere Fässer mit japanischem Single Malt-Whisky nach Europa zu bringen. Die Lage der japanischen Whisky-Brennereien war zu diesem Zeitpunkt eher desolat. Die Whisky-Krise der späten 1980er und 1990er Jahre hatte auch Japan getroffen. Der Whisky-Konsum in Japan sank von 380 Millionen im Jahr 1983 auf bescheidene 75 Millionen Liter im Jahr 2007. Die Verkaufszahlen waren innerhalb von zweieinhalb Jahrzehnten in eine bodenlose Tiefe gestürzt. Als Folge des dramatischen Umsatzeinbruchs wurden neben der Karuizuwa Distillery auch die Brennereien Hanyu, Nikka Nishinomiya und Kawasaki stillgelegt. Die Marktführer Suntory und Nikka litten ebenfalls unter dem allgemeinen Desinteresse an Whisky: Im Jahr 2002 wurde angeblich bei Suntory nur noch montags Whisky destilliert, bei Nikka kam die Whisky-Produktion fast komplett zum Erliegen. Als Number One Drinks 2006 damit begann, in Europa und den USA neues Interesse an japanischem Single-Malt-Whisky zu generieren, sollte sich das Blatt allmählich wenden. Innerhalb weniger Jahre katapultierte sich japanischer Whisky an die Spitze der Welt. Doch die Produktionslücken, die Anfang der Jahrtausendwende entstanden waren, tun den Brennereien heute sehr weh. Japanischer Whisky, dessen Alter über 10 oder 15 Jahre hinausgeht, ist derzeit kaum zu haben.

 

Um zu verstehen, wie es überhaupt erst zur Krise und dem anschließenden phönixhaften Neubeginn kommen konnte, müssen wir einen längeren Blick in die Vergangenheit werfen. Verlassen wir also zunächst die Brennerei am Vulkanberg Asama und kehren wir dorthin zurück, wo die Anfänge des japanischen Whiskys liegen: nach Schottland.

 

 

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