Studienreise 2016

Sonne, Wind und Whisky


Wen einmal die Schönheit und Mystik der schottischen Landschaft in ihren Bann gezogen hat, den lässt sie nicht mehr los. Es ist aber nicht nur das. Was wäre Schottland ohne seine Whiskys? Und wer einmal das Land und seine Brennereien mit dem Segelschiff bereist hat, der findet sich plötzlich wieder an Bord. Aber wie bewältigt man das Ziel einer Studienfahrt – neun Destillerien in sieben Tagen?

 

Von Sabine Kuhn

 

Es ist um die Mittagsstunde, als uns der ScotRail aus der Central Station in Glasgow in das 50 Kilometer südwestlich gelegene kleine Hafenstädtchen Troon führt. Während wir auf das herbeigerufene Taxi warten, wandert mein Blick zum Meer hin, und mein Herzschlag scheint sich plötzlich zu verdoppeln, als ich in der Ferne, die mir vertrauten drei weißen, 35 Meter hohen Segelmasten entdecke. Ein Lied meiner Kindheit schießt mir spontan in den Sinn: „Dort bläht ein Schiff die Segel, frisch saust hinein der Wind!“ Es ist das Lied „Der junge Schiffer“, von Christian Friedrich Hebbel (1813-1863).

 

Da liegt sie also wieder vor meinen Augen im Wasser: die MS Thalassa. Auf ihr soll ich nun meine zweite Studienreise antreten. Führte mich mein Weg mit ihr im vergangenen Jahr in den Osten bis auf die Orkneys, werden mich dieses Mal ihre Segel bis zu Schottlands Westküste und ihren Inseln tragen. Nach Bezug der Kabinen findet auf dem Oberdeck die offizielle Begrüßungszeremonie statt. Patrick Tilke, unser Reiseleiter, begrüßt die insgesamt 26 Teilnehmer der Studienreise an Bord. Unter den Mitreisenden sind auch ein paar bekannte Gesichter, die wie ich „Wiederholungstäter“ auf der MS Thalassa sind. Auch die niederländische Schiffsbesatzung kenne ich bis auf wenige Ausnahmen. Allen voran Kapitän Jacob Jan Dam mit seiner Frau Jetje sowie seine sechsköpfige Crew, Sohn Jelle und Freundin Geeske (Küche), Maaike („Mädchen für alles“), erster Steuermann Sjoerd, Matrose Ian und die junge Matrosin Ellen.

 

Es ist kurz nach 15 Uhr, als die MS Thalassa aus dem Hafen von Troon ausläuft und ihrem heutigen Ziel zusteuert: die Insel Arran, die südlichste Insel der Inneren Hebriden, mit der gleichnamigen Destillerie. Die Abendsonne verzaubert den kleinen Hafen von Lochranza auf Arran zum Postkartenidyll. Nicht umsonst wird Arran auch „Platz der spitzen Hügel/Berge“ oder „Schottland in Miniatur“ genannt: flache, weite Moorlandschaften im Süden, riesige Waldgebiete dazwischen und im Norden Berge.

 

Tag 2: Schafe, Hirsche und der erste Whisky

Am nächsten Tag steht der Besuch der Brennerei Arran an, der einzigen Malt Whisky Destillerie auf der Insel. Noch bis in das frühe 19. Jahrhundert gab es bis zu 50 Whiskybrennereien auf Arran, die meisten destillierten das „besondere Wässerchen“ jedoch irgendwo versteckt in den Hügeln auf illegale Weise. Auf unserem halbstündigen Fußmarsch zur Brennerei begleiten uns zottelige Schafe und Rotwild! Da läuft einem doch tatsächlich ein Hirsch über den Weg…

 

Vier Pagodentürme kündigen schon von weitem die erst 1995 eröffnete Destillerie an. Das Besucherzentrum mit angegliedertem Café und gut sortiertem Shop wurde im Sommer 1997 von der Queen persönlich eingeweiht. Wir werden schon von Stewart Dunsmuir vom Visitor Center-Team erwartet, der uns gut gelaunt empfängt. Zum ansprechenden Kurzfilm zur Philosophie der Brennerei erhalten wir von Stewart unseren ersten Tropfen, einen 10 Jahre alten Arran Single Malt Whisky, 46% non-chillfiltered, der längst zum Flaggschiff der Brennerei zählt. In der nachfolgenden Führung durch die Brennerei erfahren wir dann allerhand über „das flüssige Gold von Arran“. Das gute Mikroklima auf Arran macht die hohe Qualität der Destillate aus. Es ist ein Zusammenspiel aus glasklarem Quellwasser, sanfter Meeresbrise, Bergluft und der warmen Strömung des Golfstroms. Nach traditioneller Methode wird verfahren, mit hölzernen Gärbottichen und Kupferkesseln gearbeitet und keine künstlichen Farbstoffe verwendet. Wer wie ich die zarten Aromen der aus Ex-American Bourbon, Ex-Sherry oder Wine-casks gewonnenen Destillate liebt, der sollte unbedingt schon deswegen einmal nach Arran reisen!

 

Etwas wehmütig müssen wir dann auch schon wieder Abschied nehmen von Isle of Arran, denn die nächste Insel, die Isle of Islay, wartet bereits auf uns. Volle Fahrt voraus! Mit 8 Knoten steuert uns Kapitän Jacob bei guter Strömung die 60 Seemeilen von Arran bis zum Hafen von Port Ellen.

 

Tag 3: Isle of Islay

Wer die Isle of Islay Malts kennt, der weiß, dass die meisten Whiskys im Vergleich zu den Whiskys auf dem schottischen Festland eine rauchige Note besitzen. Der Torf, der auf der Insel gestochen und mit dem die Gerste zu Beginn der Produktion geräuchert wird, verleiht den Destillaten den Rauch.

 

Unsere erste Station ist Ardbeg. Malerisch eingebettet in eine felsige Bucht, liegt das schöne, ehrwürdige Destilleriegebäude mit seinen Pagodentürmen. Ich erinnere mich, auf meiner ersten privaten Isle of Islay-Tour hatte ich schon die Nase gerümpft, wenn ich nur einen Hauch von Rauch in den Islay Malts wahrgenommen habe, nun muss ich mein Urteil revidieren. Vielleicht lag es auch ein bisschen an der Atmosphäre, als nach der Führung draußen für uns die Verkostung in der warmen Sonne stattfand. Zugegeben, mit einem durchaus gelungenen 10-jährigen Ardbeg kann ich mich zwar immer noch nicht so richtig anfreunden, dafür hat nicht nur mir, sondern auch den anderen unserer Reisegruppe der Ardbeg Dark Cove gut gemundet, der nur einen zart eingebundenen Hauch von Rauch aufweist.

 

Nicht weniger edel geht es bei der folgenden Destillerie Lagavulin zu. Im Besitz von Diageo mit schönem Destilleriegebäude (1816 gegründet), einem hübschen, kleinen Besucherzentrum, das eher an ein altes, englisches Landhaus erinnert, und natürlich seinen Whiskys, deren Inhalte aus den Aromen Rauch, Torf, Salz, Jod oder Seetang bestehen, punktet Lagavulin zweifelsohne. Nach einer kurzen Stippvisite bei Laphroaig (ein Besuch der Destillerie war nicht geplant), geht es beschwingt zurück auf die Thalassa.

 

Und endlich: Es werden die Segel gesetzt! Im vollen Einsatz ist nicht nur die Schiffscrew, die ernsthafte (Mit-)Hilfe der Reiseteilnehmer ist dabei gefragt. Die Matrosen verteilen die Aufgaben und geben Anweisungen. Immer ein fröhliches Lächeln im Gesicht, aber mit Argusaugen bei jeder Arbeit dabei, ist Kapitän Jacob auf der Brücke. Souverän weist er mit Hilfe des Winds den Dreimaster dem westlichen Ufer des Loch Indaal von Islay zu, wo sich die Bruichladdich Destillerie befindet.

 

In der Sonne sitzend auf Oberdeck, sinniere ich über die weiteren Strophen des Liedes „Der junge Schiffer“: „Der Anker wird gelichtet, das Steuer flugs gerichtet, nun fliegt´s hinaus geschwind. Ein kühner Wasservogel kreist grüßend um den Mast, die Sonne brennt herunter…“. Genauso erlebe ich die Fahrt auf der Thalassa. Immer wieder begleiten uns Möwen auf unseren Seeweg, fast neugierig umkreisen sie manchmal das Segelschiff. Und Sonne satt in Schottland sollen wir die ganze Woche noch haben! Unglaublich, ja fast befremdlich…

 

Tag 4: Auf einen Espresso mit Walter Schobert

Schon vor einem knappen Jahrzehnt habe ich Bekanntschaft mit Walter Schobert, dem Whisky-Experten, gemacht, den ich heute statt der Führung durch die Destillerie Bruichladdich auf einen Espresso im „Debbie´ Bruichladdich Minimarket“ mit angeschlossenem Café treffe. Walter Schobert wohnt seit Jahren auf Islay, er hat mich persönlich vor acht Jahren durch die Bruichladdich Brennerei geführt. Bereits 1881 wurde Bruichladdich gegründet und erlebte stets bewegte Zeiten, was den häufigen Besitzerwechsel anbelangte. Seit 2012 ist sie im Besitz des französischen Konzerns Rémy Cointreau. Die großzügige Verkostung der Bruichladdich Destillate in einem der Lagerhäuser lasse ich mir dann aber doch nicht entgehen – für mich ein Highlight dieser Reise. Feine Tropfen dürfen wir verkosten, zum Bespiel den Port Charlotte aus dem Sherry Cask oder den 9 Jahre alten Octomore. Letzterer ist sicher für wetterfeste Seebären gemacht – er gehört zu den torfigsten Destillaten der Welt.

 

Danach werden wir mit dem Bus zur Kilchoman Destillerie chauffiert. Die Brennerei ist mit Abstand nicht nur die jüngste auf Islay, sondern zählt auch zu den jüngsten in ganz Schottland. Sie wurde erst 2001 gegründet, ging mit ihrer Produktion 2005 an den Start, und 2009 kam der erste Single Malt auf den Markt. Beachtenswert ist sicher der zweite, 2011 heraus gekommene Inaugural Release mit dem Zusatz „100% Islay“, das heißt, dass die Herstellung aus 100% Islay Gerste stammt. Die Zukunft der Destillerie ist vorbildhaft: Kilchoman möchte alle Schritte der Whiskyherstellung im eigenen Haus erfüllen.

 

Tag 5: Maroder Charme und männlicher Mut

Nach dem Besuch in der mit schön-marodem Charme behafteten Bunnahabhain Destillerie, die in Port Askaig im Nordosten von Islay liegt, fällt mir die Verkostung besonders leicht. Mit den allabendlich probierten edlen Tröpfchen der jeweils am Tag besuchten Destillerie, die Patrick Tilke von der Administration als Geschenk für die Reisegruppe bekommen hat, haben wir unsere Whiskykenntnisse erweitern beziehungsweise vertiefen können. Und so laufen die überwiegend leichten, frischen Tropfen von Bunnahabhain dann auch wie Öl die Kehle hinunter. Der geplante Besuch bei Caol Ila fällt leider fast sprichwörtlich ins Wasser, da die Thalassa aufgrund zu starker Strömung vor Ort nicht ankern kann.

 

Tag 6: Südseeflair auf Jura

Die nächste Insel ist Jura, die wie Islay zu den Inneren Hebriden zählt. Als die Thalassa in der Spätnachmittagssonne in Craighouse ankert, fällt der Blick auf die gleichnamige Destillerie, die sich hinter Palmen mit ihren weißen Gebäudefassaden erstreckt. Aufgrund des warmen Golfstroms wachsen hier tatsächlich tropische Pflanzen, so dass man einem Anflug von Südseefeeling bekommt. Genauso mild wie das Klima auf Jura sind überwiegend auch die Jura Destillate. Sehr deliziös ist der Jura Tastival Whisky 2016, ein Whisky Festival Exclusive, der jedes Jahr zum Islay Festival herausgebracht wird.

 

Wir lassen Jura hinter uns und fahren weiter nach Campbeltown mit seinen putzigen Seelöwen, die ihre Runden im Hafen ziehen. Als wir hier die Springbank Destillerie besichtigen, scheint es mir, als wäre die Zeit stehen geblieben, was den nostalgischen Charakter der Brennerei ausmacht. Sie zählt zu den ältesten unabhängigen Destillerien Schottlands, die sich noch im Familienbesitz befinden. Unter ihrem Dach finden alle Produktionsschritte vom Mälzen bis zur Flaschenabfüllung statt. Hier werden die Destillate Springbank (schwach getorft und salzig), der torfige Longrow (seit 1973) und der leicht-zarte Hazelburn (seit 1997) hergestellt. Neben diesen werden die Whiskys des unabhängigen Abfüllers William Cadenhead (auch im Familienbesitz mit gleichnamigem Shop) und der Destillerie Glengyle (2004 nach knappen 80 Jahren wieder eröffnet). In letzterer wird in nur zwei Monaten des Jahres in zwei Brennblasen die komplette Jahresproduktion von 60.000 Litern destilliert, wie zum Beispiel der Single Malt Kilkerran. Sehr beachtlich, wie ich finde.

 

Ein Schmuckstück ist in meinen Augen die Destillerie Glen Scotia, die 1832 gegründet wurde. Obwohl sie zu den kleineren Destillerien Schottlands zählt, verbindet sie unter einem Dach eine aufreibende Vergangenheit mit vielen Besitzerwechseln und eine Moderne mit Erneuerungen in zum Beispiel neue Gärbottiche aus Edelstahl, hochentwickelte Computertechnik und vor allem viel Engagement eines fleißigen Brennereiteams. Vielleicht ist es gerade der „unruhige Geist“ eines ehemaligen Brennereibesitzers, der es in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhundert nicht schaffte, die Destillerie am Laufen zu halten und sich das Leben nahm, und heute noch als Geist im Gemäuer spuken soll…! Es ist die gute Geschäftsführung von Iain McAlister, der zusammen mit einem kleinen Team von nur 7 Angestellten die Brennerei führt. Seit 2015 wurde ein liebevoll gestaltetes „Visitor Center“ mit antiker „Nationalkasse“ und alten Whiskyflaschen eröffnet, wo wir die großartigen Destillate probieren können. Ob Glen Scotia 15 Year old, Glen Scotia Victoriana oder Glen Scotia Double Cask (American Oak Pedro Ximenez Sherry Cask), alle drei haben dieses Jahr bei der “San Francisco World Spirits Competition“ die Goldmedaille gewonnen, was mit Sicherheit das Verdienst von Master Blender John Peterson ist.

 

Tag 7: Abschied vom Segeln und der See

Die Reise auf der Thalassa nähert sich dem Ende. Zum „Captain‘s Dinner“ gab es erst eine wunderbare Käseauswahl als Geste der niederländischen Crew und dann Langusten – so viele wie jeder essen konnte. Großzügig! Abschließend gab es viel Applaus von der Reisegruppe als großes Dankeschön an Kapitän Jacob und seine Crew. Abends wieder zurück im Hafen von Troon, beobachtete ich noch lange die untergehende Sonne, die unsere treue Gefährtin auf dieser Reise war, schaue den kreisenden Möwen zu und verabschiede mich innerlich ganz leise vom Meer mit den Zeilen des jungen Schiffers: „War´ gern hineingesprungen, da draußen ist mein Reich!“

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