Studienreise 2018

Oh, Islands in the sun

Die Studienreisen unseres Magazins mit dem Segeldreimaster „SS Thalassa“ sind auf eine Art sicher eine gewohnte Übung. Trotzdem besitzen sie Kultstatus. Die Plätze sind rar und begehrt. Und Jahr um Jahr schreiben diese Touren, von denen es dieses Mal zwei gab, immer ganz eigene Geschichten. 2018 trägt sich dabei mit einem Jahrhundertsommer in die Chronik ein. Doch das war längst nicht alles.

 

Von Heinfried Tacke

 

Diese Reisen, wer sie kennt oder schon ein bisschen verfolgt hat, beginnen nie erst mit dem so genannten „Einstieg“ aufs Boot. Die meisten Teilnehmer trudeln in der Regel schon am Tag vorher ein. Und dank der sozialen Medien ist oft auch schon ein erster Treff am Vorabend vereinbart. Ein erstes Miteinander, dieses Mal im „Harbour Inn“, direkt am Hafen von Oban. Man kennt sich zwar kaum, doch schnell findet sich die Runde, und das Eis bricht in der Regel ebenfalls schnell. Half aber alles nichts! Denn was für ein fieser Regen, der sich am nächsten Morgen über uns alle ergoss, als man endlich den stolz daliegenden Dreimaster „Thalassa“ bestieg, der am Abend vorher angelegt hatte. 14 Tage später, nach der zweiten Tour, bietet sich ein ganz und gar anderes Bild: Blauester Himmel und strahlende Sonne in Troon. Ab dem 4. Tag sollte sich das Blatt komplett wenden. Mehr und mehr übernimmt die Sonne das Regiment und verdrängt das vorher doch recht unwirtliche Wetter. Tour Zwei gleicht so fast einer Reise in die Karibik. Denn vier Tage lang zeigt sich die See so glatt wie noch nie zuvor erlebt, und in die Erinnerungen, allen voran in die endlos geschossenen Bilder, malen sich Tage in hochsommerlichem Blau sowie zuhauf farbenprächtige Abendhimmel in allen denkbaren Schattierungen ein. Als sich der Tross der zweiten Truppe mit rollenden Koffern zurück gen Bahnhof Troon in Bewegung setzt, ist ihr Gepäck nicht nur voll mit zig guten Whiskys, sondern ebenso angefüllt mit einem reichen Schatz an neuen Entdeckungen, Erfahrungen und neuen Freunden.

 

Ein erster Überblick

Doch wir greifen vor. Zwischen dem Start in Oban am 16. Juni und dem Ausstieg in Troon am 30. Juni liegen zwei bemerkenswerte Whisky-Bildungsreisen mit insgesamt zwölf Brennereibesuchen, ungezählten Drams, die dabei bei den Tastings vor Ort an die gut 50 Teilnehmer zum Verkosten ausgeschenkt wurden, zu denen sich für die Nachbesprechung an Bord stets nochmals drei weitere Abfüllungen pro Brennerei gesellten, aber auch über 1.000 Seemeilen, mit denen man insgesamt sechs Inseln abfuhr, die sich alle landschaftlich anders zeigen sollten, mithin zig Anlegemanöver, dazu geraffte und eingeholte Segel, denn auch das das gehört zur Tour dazu, ergo ebenso ungezählt oft das Beiboot übers Wasser brausend genutzt, um an Land zu gelangen, sowie am Ende Hunderte von Sonnenstunden, wie man kaum erwarten durfte, dazu diverse Darts-Sessions, ebenso zahlreiche feucht-fröhliche Abende, bei denen so mancher Liter Bier fließt, und nicht zuletzt vermutlich Tausende Bilder, die bei all dem geschossen werden, denn die Reise bringt besondere Eindrücke en masse vor die Linse, die natürlich alle festgehalten werden wollen. Und dennoch wird es am Ende nur dieses eine kleine gewisse Extra sein, was dieser Reise jedes Mal aufs Neue ihren ganz besonderen Stempel aufdrückt: der Besuch der Brennereien per Schiff und über den Seeweg, was das Erleben so neu und anders macht, ganz zu schweigen von der speziellen Wirkung, die ein Schiff besitzt, um eine Gemeinschaft zu schmieden…

 

Das besondere „Leben an Bord“

Allerdings darf man sich den Dreimaster „Thalassa“ nicht vorstellen wie eines der vielen „Hotelschiffe“, die inzwischen über fast alle Meere dieser Welt schippern. Die „SS Thalassa“ war mal ein Fisch-Trawler, der aber eine wenig glückliche Geschichte schrieb, bald mit einem langen Riss im Bug gekentert auf einer Sandbucht im Meer vor Holland lag, erst Jahre später eingeholt, und dann zum jetzigen Dreimastsegler umgebaut wurde, wie uns Kapitän und Eigner Jakob van Dam an einem Abend zu erzählen weiß. Auf dem Mitteldeck wartet ein stilvoll eingerichteter Saloon mit einer inzwischen sehr gut ausgestatteten Whiskybar. Im unteren Deck, zu dem eine durchaus sehr steil zu nennende Treppe führt, sind die 15 Kabinen für die Reisenden untergebracht, die sich alle um die Kombüse bzw. Küche in der Mitte sowie die drei Reihen Tische des Speiseraums gruppieren. Auf dem Oberdeck hat der Kapitän sein Häuschen als Schalt- und Lenkzentrale, in dessen Windschutz es lauschige Plätzchen gibt für die, die gern draußen verweilen. In der offenen Mitte des Mitteldecks warten indes zwei große Tische mit vier Bänken, wo man an guten Tagen unter freiem Himmel essen oder einfach nur zusammensitzen kann.

 

Versammlung in der „Geschlossenen“

Aber auch Bug und vor allem Achterdeck bieten noch Platz und „Auslauf“ auf dem knapp sechzig Meter langen Segelschiff, so dass ein Gefühl von Enge keineswegs aufkommen muss. Indessen darf man auch nicht den größten Luxus erwarten. Schiffe dieser Art erfordern immer den einen oder anderen Kompromiss oder „Abstrich“ an höheren Erwartungen. Doch genau darin besteht der eigentliche Charme. Man erfährt das Leben an Bord so nah wie sonst nie und bildet mit der Crew eine Gemeinschaft. Man isst und genießt zusammen, hilft sich bei Bedarf und steckt gemeinsam die eine oder andere Unbill weg, gerade was das schottische Wetter anbelangen kann. Dieses Gemeinsame zu pflegen ist auch der Kern der allabendlichen Sitzung der Teilnehmer im Salon, wo in großer Runde noch einmal die besichtigten Brennereien besprochen werden, wobei dann auch die erhaltenen Proben zum Einsatz kommen, die man nun zusammen probiert und begutachtet. Und der große Gewinn dabei liegt darin, dass man nicht allein die gewonnenen Eindrücke einsortiert, sondern wie in einem großen Topf alles sammelt, was jedem Einzelnen speziell auffiel. Das macht das gegenseitige Lernen noch bunter und reicher. Auf der ersten Tour genießt man diese Einrichtung sehr. Man neckt sich zwar auch, weiß aber die Runden zu genießen und zu schätzen. Die Rede vom Treffen in der „Geschlossenen“ macht gar spaßeshalber die Runde. Die zweite Gruppe tut sich damit schwerer. Dort scheinen die Individualisten mehr die Überhand zu haben…

 

Brennereibesuche vom Wasser aus

Dessen ungeachtet sind beide Touren gespickt mit nachhaltigen Eindrücken, wobei sich die zweite Reise sieben Tage lang allein schon an dem großartigen Wetter erfreuen darf. Mit jedem Tag werden dabei auch die Nächte lauer und bunter, so dass man oft lange nach der Dämmerung noch draußen an Deck verweilt, sich dort im Austausch und in Gesprächen befindet, oder sich einfach nur still schauend an der Farbpracht des Himmels gütlich tut. Auch so malen sich die Reisen in Erinnerung, wenngleich es noch viele andere Erlebnisse sind. Etwa der Fußballkick auf dem Grün vor dem Hotel bzw. der Destillerie auf Isle of Jura – an sich nichts Ungewöhnliches, wenn denn die Zeit dafür reicht, aber in diesem Fall suchte man schnell wieder den Schatten und vor allem die nächste kühlblonde Erfrischung auf angesichts der unerwarteten Hitze an diesen Tagen. Auch so mancher Tourguide hinterließ seinen bleibenden Eindruck und wurde zum allgemeinen Gesprächsgegenstand – etwa durch die überraschende Haarpracht eines Afro-Looks, die man bestenfalls noch aus den 70er Jahren kannte, wie bei der Isle of Jura Brennerei. Oder man erfreute sich an der herrlich eloquenten wie verständlichen Art der Führung durch Tourguide Ron bei der Brennerei Ardbeg. Und auch die so verschmitzt wirkende wie letztlich charmant-witzige Art von Willie bei der Brennerei Tobermory hinterließ sichtlich Nachhall. So wie auch mit jedem Mal mehr die regelmäßigen Gruppenfotos vor jeder Adresse geradezu einen Wettbewerb für sich auslösten. Und, und, und. Die Erzählungen jedes Einzelnen werden zwar so oder so ganz eigen und wohl auch ganz anders ausfallen, aber in einem besitzen sie unisono einen einhelligen Tenor: Das Bereisen und Besichtigen der Brennereien über den Seeweg gibt diesem Tun die besondere Würze und unvergleichliche Note. Da war keiner dabei, der das nicht so empfand…

 

Haufenweise Highlights

Wobei auch jede einzelne Brennerei ihre Highlights setzte. Das Warehouse Tasting bei der Brennerei Bunnahabain, wo man fast anbetungswürdig in Kirchenbänken um vier Fässer gruppiert saß, um aus jedem Fass live und direkt eine frisch gezogene Probe zu verkosten, löste weithin Begeisterung aus. Wie überhaupt die eine oder andere besuchte Brennerei, die nicht gerade zu den ganz Großen in Namen, Rang oder Menge gehört, sich als schöne, weil kleine, dafür höchst entdeckungswürdige Malt Destille erwies – so unter anderem das einhellige Votum der ersten Reise über Tobermory. Bei Isle of Jura konnte man unterdessen ganz frisch die komplett neue Range probieren. Doch in diesem Punkt ließ sich sowieso keine der besuchten Adresse lumpen. In der Regel boten die Tastings vor Ort als auch die weiteren Proben für die Nachbesprechung an Bord einen nahezu umfassenden Überblick über die Bottlings der Brennerei, wobei das Tasting bei Arran mit sechzehn Proben in dieser Hinsicht ohne Frage den absoluten Spitzenwert markierte. Doch auch so oft und viel besuchte Brennereien wie Bowmore und Ardbeg wussten jeweils ihre eigenen Highlights für ihre Gäste zu setzen – unter anderem mit speziellen Fassproben im berühmten Vault No. 1 oder etwa durch die Verkostung kaum mehr erhältlicher Abfüllungen (u. a. Ardbeg Still Young). Und last but not least: In Campbeltown durchstreifte man gar mit Besichtigung von Springbank, Glengyle und Glen Scotia – letztere auf eigene Initiative der Teilnehmer – gleich eine ganze Whiskyregion binnen eines Tages und erlebte mit Springbank dabei hautnah eine der noch am traditionellsten arbeitenden Brennereien Schottlands überhaupt. Und mit dem Abstecher zum Cadenhead‘s Shop kam an diesem Tag gar noch eine Stippvisite beim ältesten Independent Bottler Schottlands hinzu. Will sagen: Auch an solchen Highlights mangelte es nicht…

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