Trumps Zoll-Hammer
Whisk(e)y in der Klemme
Seitdem Präsident Trump im Rosengarten des Weißen Hauses ganz oberlehrerhaft seine Tafeln mit Strafzöllen in die Kameras hielt, steigt die Angst vor weltweiten Handelskriegen und einer Rezession. Die Whiskyindustrie dies- und jenseits des Atlantiks rechnet erneut mit dem Schlimmsten.
In halsbrecherischem Tempo hat Trump Zölle auf Importe ausgerufen und teilweise wieder ausgesetzt – zumindest für 90 Tage. Am 8. Juli läuft die Frist ab. Was passieren wird, sollte es seinen Unterhändlern nicht gelingen, bis dahin wichtige Handelsabkommen festzuzurren, ist ungewiss. Mit Verweis auf den „nationalen Notstand“ aufgrund von Handelsdefiziten hat Trump am 2. April einen Basiszoll in Höhe von zehn Prozent auf Importe aus fast allen Ländern (Russland ausgenommen) eingeführt. Gegen mehr als 60 Staaten – in Trumps Worten die „schlimmsten Übeltäter“ - wurden in einem zweiten Schritt noch deutlich höhere, individuelle Strafzölle verhängt: Importe aus der EU mit 20 Prozent, aus Japan mit 24 Prozent, aus der Schweiz mit 32 Prozent. Nach einem „Blutbad“ an der Wall Street ruderte Trump zurück und verkündete am 9. April eine sofortige „Zoll-Pause“ von 90 Tagen. Währenddessen greift der Basiszoll von 10 Prozent.
Zölle nur ausgesetzt - nicht aufgehoben
Warum Whisky und Whiskey überhaupt ins Fadenkreuz geraten sind? Das hat eine Vorgeschichte. Schon während seiner ersten Amtszeit vollzog Trump eine handelspolitische Wende in Richtung Protektionismus und Abschottung. Im Jahr 2018 dekretierte er auf Stahl- und Aluminium-Importe einen Zoll von 25 bzw. 10 Prozent. Die Begründung: Stahl und Aluminium seien so etwas wie die Sicherheitsgaranten Amerikas. Die EU reagierte darauf u.a. mit 25 Prozent Gegenzoll auf Whiskey-Importe. Die Vergeltungsmaßnahme richtete sich gegen, was man unter Militärs ein „weiches Ziel“ nennt. Hauptsächlich betroffen waren zwei Bundesstaaten - Kentucky und Tennessee –, beide Hochburgen der Partei Trumps. Der Handelsstreit eskalierte, als Trump im Jahr 2019 den Zoll auf schottische Single Malts und Whisky-Liköre auf 25 Prozent erhöhte. Erst 2021, unter seinem Nachfolger Präsident Joe Biden, wurden die gegenseitigen Zölle vorübergehend ausgesetzt. Merke: ausgesetzt - nicht aufgehoben!
Da die EU und die USA seit 1997 von Nullzöllen auf Spirituosen profitiert hatten, war der Schaden groß. Schließlich sind sie für einander die wichtigsten Exportmärkte. Im Jahr 2024 gingen etwa 50 Prozent der amerikanischen Whiskey-Ausfuhren (im Wert von knapp 700 Millionen US-Dollar) in die EU, während 18 Prozent der schottischen Whisky-Exporte (1,3 Milliarden US-Dollar) und 40 Prozent der irischen (450 Millionen EUR) in die USA gingen. Der Branchenverband Scottish Whisky Association schätzt, dass ihre Mitglieder in den 18 Monaten, in denen der US-Strafzoll galt, Umsatzeinbußen in Höhe von 600 Millionen Pfund (710 Millionen EUR) hinnehmen mussten. Laut Branchenverband Distilled Spirits Council of the United States (DISCUS), führten die EU-Gegenzölle dazu, dass die Whiskey-Exporte in die EU um etwa 20 Prozent einbrachen - von 552 Millionen US-Dollar (2018) auf etwa 440 Millionen US-Dollar (2021).
Die Wiedereinführung des EU-Gegenzolls wäre für die amerikanischen Whiskey- und Bourbon-Produzenten ein herber Schlag. Schließlich ist ihr Export erst im 21. Jahrhundert so richtig in Gang gekommen. Zuvor verhinderten die Prohibition (bis 1933), dann der Zweite Weltkrieg und anschließend die steigende Nachfrage in den USA selbst, dass genügend Whiskey für den Export zur Verfügung stand. Als der Absatz im Heimatmarkt in den 1960er und 1970er Jahren schwächelte, waren es die Exporte, die dazu beitrugen, dass viele Destillerien schwarze Zahlen schrieben. Letztendlich waren es aber die Premium-Marken, sowie Single Barrel und Small Batch Whiskeys in den 1990er Jahren, die das Interesse im Ausland entfachten.
Welche Gegenzölle plant die EU?
Nach der Amtsübernahme von Präsident Biden und dem vollzogenen Brexit einigten sich die USA und das Vereinigte Königreich im Juni 2021, den schottischen Single Malts eine fünfjährige Pause von den 25 Prozent Strafzöllen zu gewähren. Es besteht also die Gefahr, dass Trump sie im Juni 2026 wieder einführt und auf den Basiszoll von 10 Prozent draufschlägt. Die EU ihrerseits hatte ihren 25-Prozent-Gegenzoll auf Whiskey nur bis März 2025 ausgesetzt. Der Plan war: Sollte es keine Einigung mit den USA im Handelsstreit geben, wäre im April der Gegenzoll auf Whiskey und andere US-Spirituosen auf 50 Prozent gestiegen.
Mittlerweise hat die EU ihre Gegenzölle bis 14. Juli auf Eis gelegt und will sich mit den USA sogar bis 9. Juli einigen. Zu groß war der Schock in Brüssel, als Trump am 13. März Strafzölle in Höhe von 200 Prozent auf Wein, Champagner und andere alkoholische Getränke aus der EU androhte. Der Basiszoll (10 Prozent) auf EU-Weine und Spirituosen, incl. irischem Whiskey, wurde aber in Kraft gesetzt und muss von europäischen Unternehmen getragen werden, was erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen hat, sagt der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure (BSI). Ganz vom Tisch sind die EU-Gegenzölle auf Whiskey aber nicht. Bis 10. Juni lief eine EU-Konsultation, in der für Gegenzölle geeignete Produkte geprüft wurden, so der BSI. Auf der Liste standen auch wieder US-Whiskey und Bourbon. Das Ergebnis der Konsultation lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.
Kanada macht Ernst
Unterdessen hat Kanada, das neben Mexiko zu einem frühen Opfer Trumps im Handelskrieg wurde, Konsequenzen gezogen. Nachdem Trump im Februar Kanada (und Mexiko) beschuldigt hatte, nichts gegen die außerordentliche Bedrohung der USA durch illegale Einwanderer und Drogenschmuggel zu tun, verhängte er Strafzölle von 25 Prozent auf kanadische Waren. Dass Trump in 2020 ein Handelsabkommen (offiziell United States-Mexico-Canada Agreement) mit Kanada und Mexiko ausgehandelt hatte, das er jetzt selbst brach, war ihm egal. Es herrscht Notstand in den USA. Überhaupt nicht egal war den Kanadiern die unverblümte Drohung Trumps, Kanada zu annektierten. Dies ließ den Canucks keine andere Wahl. Im März verhängte ihre Regierung Gegenzölle in gleicher Höhe auf amerikanische Waren, darunter Whiskey, Wein und andere Spirituosen.
Damit nicht genug. Da in Kanada staatliche Unternehmen ein Monopol auf den Import, Vertrieb und größtenteils auch auf den Verkauf von Alkoholika haben, ordneten Provinz-Regierungen an, alle US-Alkoholika aus den Regalen zu räumen. Von offizieller Seite hieß es, die Produkte würden zwischengelagert und wieder in den Verkauf gebracht, sobald die USA alle Zölle aufheben. Pech nur, dass der nun unverkäufliche Alkohol bereits bezahlt wurde. Was den Wert des toten Kapitals anbelangt, gibt es unterschiedliche Zahlen. Aus amerikanischer Sicht wurde im Jahr 2024 Alkohol im Wert von mehr als 760 Millionen US-Dollar nach Kanada exportiert, darunter Spirituosen im Wert von 221 Millionen US-Dollar. Die Kanadier, die sich eigentlich in vielen Dingen höchst uneinig sind, unterstützen das Embargo solidarisch als ihre patriotische Pflicht.
Trump und die „Kunst des Deals“
Alle Hoffnungen, den von Trump entfachten Handelskrieg zu beenden, ruhen nun auf bilateralen Abkommen mit den USA. Trumps Ziel war: 90 Deals in 90 Tagen. Die Verhandlungen ähneln einem Speedrun bei Computerspielen, berichtet die internationale Wochenzeitung The Economist. „Wenn die Amerikaner mit einem Land nicht weiterkommen, wechseln sie einfach zum nächsten. Bislang konnte sich kein ausländisches Verhandlungsteam lange an der Spitze der Warteschlange halten. Streitereien über das Kleingedruckte führten zu einer raschen Degradierung.“
Bis Mitte Mai gab es nur zwei Deals: einen mit dem Vereinigen Königreich (8.Mai) und einen mit China (12. Mai). Das Abkommen mit China ist wichtig, denn es setzt die astronomisch hohen gegenseitigen Strafzölle für 90 Tage aus. Auch hinter dem „fantastischen historischen Abkommen“ (Trump) mit den Briten, um das seit zehn Jahren gefeilscht wurde, verbirgt sich wenig Substantielles. Es werden noch Monate der Verhandlungen und des juristischen Papierkrams folgen. Ein umfassendes Freihandelsabkommen ist es nicht. Nur ein paar sektorale Regelungen für Autos, Stahl und Aluminium wurden da zusammengenagelt. Schottischer Whisky kam überhaupt nicht vor. Für ihn gilt - wie für den Großteil der britischen Exporte - weiterhin der 10-Prozent-Basiszoll.
Der britische Premier Starmer hat mit dem Deal den Schaden durch die US-Zölle etwas eingedämmt, aber unterm Strich steht ein Nettoverlust für das Vereinigte Königreich. Gegenüber seinen Anhängern konnte Trump sein Gesicht wahren und einen Deal feiern. Was viele nicht wissen: Trump hat gar nicht die Befugnis, ohne Zustimmung des US-Kongresses ein Freihandelsabkommen abzuschließen.
In der Zwischenzeit wurde deutlich, was Trump unter „The Art of the Deal“ (so der Titel seines Buches von 1987) versteht: ein Diktat nach dem Motto „Friss oder stirb“. Weil Washington nicht genügend Unterhändler hat, verkündete Trump am 16. Mai, man werde nun Briefe an einige Handelspartner schicken, in denen steht, welche Zölle auf ihre Warenexporte in die USA erhoben werden. Typisch Trump: Es war nicht sofort klar, ob die neuen Zölle zusätzlich zu den bereits bestehenden gelten sollten, oder ob es sich um höhere oder niedrigere Anpassungen handeln würde. Aber „es wird sehr fair sein - wir werden den Leuten sagen, was sie zahlen müssen, um in den USA Geschäfte zu machen“, sagte Trump.
Ob die Zölle fair sind, sei dahingestellt. Die Frage ist: Werden die Handelspartner Zugeständnisse machen, wenn sie vermuten müssen, dass es Trump nur um Protektionismus geht und der Deal nicht von Dauer ist, weil Trumps Sprunghaftigkeit hinlänglich bekannt ist? Eines ist klar: Die US-Zölle sind ganz und gar nicht fair gegenüber den amerikanischen Verbrauchern. Denn die Importeure, Distributeure und Einzelhändler werden die Zölle auf viele Produkte an die Verbraucher weitergeben müssen. Dafür hat sich Walmart, der größte Einzelhändler, schon jetzt Ärger mit Trump eingehandelt. Auf Walmarts Ankündigung, spätestens Ende Juni die Preise zu erhöhen, postete Trump auf Social Media, Walmart solle „die Zölle fressen und von geschätzten Kunden nichts verlangen. I'll be watching“.
Als Trump 2019 den Strafzoll auf schottische Single Malts verhängte, verteuerten sich nicht alle schottischen Whiskys, sagen Verbraucher in Reddit-Foren. Die Preise für Premium-Whiskys seien erst nach der Covid-Pandemie so richtig durch die Decke gegangen. Dank der staatlichen Konjunkturprogramme konnten sich Amerikaner die teuren Importe in sogenannten „Rachekäufen“ (ein typischer Bewältigungsmechanismus für eine Krise wie einen Lockdown) plötzlich leisten. Die Sorge der schottischen und irischen Whisky-Produzenten ist begründet, dass die Nachfrage nach exklusiven Single Malts einbrechen könnte, weil die Kunden auf günstigere Marken oder Bourbon umsteigen.
Trump hat die Amerikaner schon darauf eingestimmt, dass sie vorübergehend wirtschaftliche „Schmerzen“ („some economic pain“) durch seine Zoll-Politik spüren werden. Über die Höhe und die Dauer ließ er sie im Unklaren. Das gilt leider auch für den Rest der Welt. Das Thema Strafzölle und Gegenzölle dürfte die Branche daher noch länger beschäftigen.
Ina Verstl
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