Im Tal der Verfemten

The Glenlivet und das Scalan College

Schon fast so lange, wie er sich mit Whisky beschäftigt, hatte unser Autor Wolfgang F. Rothe den Wunsch, einmal Scalan College zu besuchen. Dieser Wunsch blieb lange unerfüllt – bis er vor ein paar Monaten endlich Wirklichkeit wurde. Umso begeisterter berichtet unser Autor im Folgenden von diesem ebenso abgelegenen wie geheimnisvollen Ort – und natürlich darüber, was ihn so besonders macht und welche Rolle er in der abenteuerlichen Geschichte des schottischen Whiskys spielt.

 

The Glenlivet gehört seit jeher zu den klangvollsten Namen in der schottischen Whiskybranche. Die diesen Namen tragende Destillerie gilt nicht nur als die erste, die auf der Grundlage des „Excise Acts“ von 1823 eine staatliche Brennlizenz erwarb, sondern sie ist heute – nach Glenfiddich – der zweitgrößte Produzent von Single Malt Whisky in ganz Schottland. Der Name Glenlivet war einst so berühmt, dass etliche andere Destillerien in der Speyside diesen Namen quasi als Zweitnamen adaptierten – und sich bis zu einem gerichtlichen Verbot dreist damit zu schmücken pflegten.

 

Ursache dafür war letztlich die einsame Lage von Glenlivet – wobei in diesem Fall nicht die gleichnamige Destillerie gemeint ist, sondern das Tal, von dem sie ihren Namen hat. Glenlivet bedeutet nämlich „Tal des Flusses Livet“. Dieses Tal liegt in der Region Moray, erstreckt sich in nordsüdlicher Richtung und ist nach drei Seiten von den bis zu 1300 Meter hohen Bergzügen der Grampian Mountains umgeben. Nach Norden hin, in Richtung Meer, wird der Zugang zum Tal durch den mächtigen Ben Rinnes blockiert, an dessen Flanken sich Flüsse durch schmale Durchlässe quälen.

 

Sicherer Zufluchtsort

Somit war das Glenlivet in der Vergangenheit nur relativ schwer zugänglich. Das galt nicht zuletzt auch für die Soldaten und Beamten der britischen Regierung. Vom 16. bis 18. Jahrhundert entwickelte sich das Tal daher zunehmend zu einem Rückzugsort für alle, die von der britischen Regierung unterdrückt und verfolgt wurden. Dazu gehörten insbesondere drei Gruppen: die Jakobiten, also die Anhänger der abgesetzten Könige aus der Stuart-Dynastie, die Katholiken, deren Religion nach der Einführung der Reformation in Schottland offiziell verboten war, sowie die Schwarzbrenner.

 

1688 war im Zuge der sogenannten Glorious Revolution der schottischstämmige britische König James II. aufgrund seiner religiösen Toleranzpolitik abgesetzt und durch den streng protestantischen, aus den Niederlanden stammenden William III. ersetzt worden. Insbesondere in Schottland verfügten die Stuarts aber noch lange über erheblichen Rückhalt in der Bevölkerung, was zu den letztlich gescheiterten Aufständen der Jahre 1689, 1715 und 1745 führte. Nach jedem dieser Aufstände wurden die Jakobiten strenger verfolgt und mussten sich immer weiter zurückziehen.

 

Heimliche Umtriebe

Ebenso zurückziehen mussten sich die Katholiken. Seit im Jahr 1560 der Protestantismus in seiner strengsten, nämlich der calvinistischen Form zur Staatsreligion erhoben worden war, stand jedwede Ausübung des katholischen Glaubens unter Strafe. Dennoch gab es weiterhin Katholiken in Schottland, und zwar vor allem in der Region Moray, in der Gegend westlich von Fort William und auf den südlichen Inseln der Äußeren Hebriden. Dort wurden sie von Seelsorgern betreut, die allesamt im Ausland ausgebildet worden waren und unter Lebensgefahr von Ort zu Ort zogen.

 

Die Schwarzbrenner schließlich betrachteten die Herstellung und den Verkauf von Whisky als beinahe so etwas wie ein Menschenrecht. Whisky galt in Schottland nämlich zu jener Zeit als eine Art Freiheitssymbol – und das umso mehr, als die Herstellung und der Verkauf von Whisky durch die Regierung im fernen London im Lauf der Zeit zunehmend erschwert und verteuert wurden. Damit wollte man den aufmüpfigen Schotten eine ihrer ohnehin nicht allzu zahlreichen Vergnügungen nehmen, um ihnen das Leben zu erschweren und dadurch zu zeigen, wer das Sagen hatte.

 

Gegenseitige Unterstützung

Die Schotten aber ließen sich weder ihr Recht noch ihr Vergnügen nehmen. Um die gesetzlichen Verbote und behördlichen Kontrollen zu unterlaufen, wurde die Whiskyherstellung kurzerhand dorthin verlagert, wo sich niemand um Verbote scherte und selten Kontrollen durchgeführt wurden: in die abgelegenen Täler der Highlands. Ein, wenn nicht das Zentrum der illegalen Whiskyherstellung war das Glenlivet. Die ungebrochene Tradition und die dementsprechende Expertise verschafften dem dort produzierten Whisky im Lauf der Zeit den Ruf, der schlechthin beste zu sein.

 

Zwischen den drei genannten Gruppen gab es in der Praxis weitgehende Überschneidungen: Die Jakobiten waren oft katholisch und die Katholiken in der Regel jakobitisch gesinnt. Dasselbe galt für viele Schwarzbrenner. Von daher lag es nahe, dass sich die drei Gruppen üblicherweise gegenseitig deckten, schützten und, wo möglich, unterstützten. Somit konnten sich Jakobiten unter Katholiken, Katholiken unter Schwarzbrennern und Schwarzbrenner unter Jakobiten einigermaßen sicher fühlen. Allein schon ihr gemeinsamer Feind, die Engländer, schweißte sie zusammen.

 

Geheimes Priesterseminar

Manchen von ihnen, den besonders Gefährdeten und Verfolgten, war aber selbst das Glenlivet noch nicht abgelegen und sicher genug. Aber auch für sie gab es Abhilfe: Vom Glenlivet aus gelangte man nämlich in ein noch tiefer in den Bergen gelegenes Seitental, die so genannten Braes of Glenlivet. Dabei handelt es sich nicht, wie in den meisten Fällen, um ein langgestrecktes, sondern um ein nahezu kreisförmiges, ringsum von hohen Bergen umgebenes Tal. Die Braes of Glenlivet sind heute nahezu unbewohnt; im 18. Jahrhundert lebten hier jedoch mehrere hundert Menschen.


Wer hier lebte, musste einiges aushalten. Hier gab es nicht nur keinerlei Infrastruktur, näherhin weder Straßen noch Geschäfte. Hier musste man auch die langen, dunklen, kalten und oft schneereichen Winter überdauern. Wer freiwillig hierherzog, wusste warum. In jedem Fall wusste das der katholische Bischof James Gordon, der 1705 vom Papst zum stellvertretenden apostolischen Vikar für Schottland ernannt worden war. In einer der hintersten Ecken der Braes of Glenlivet gründete er 1716 ein geheimes Priesterseminar, um Seelsorger für die schottischen Katholiken auszubilden.

 

Gefährliche Zeiten

Zwischen 1716 und 1799 wurden hier, mitten im schottischen Hochland, um die 80 Priester ausgebildet. Sogar zwei geheime Bischofsweihen fanden hier statt. Dabei war dem Gebäude, in dem sich all dies abspielte, von außen nicht anzusehen, um was für eine Einrichtung es sich handelte. Es glich einem ganz normalen Bauernhaus. Im Inneren gab es jedoch einen Studierraum, eine Bibliothek, einen Schlafraum, eine Kapelle sowie ein winziges Apartment für den Leiter, den sogenannten Master. Mit ihm zusammen lebten hier gewöhnlich immer um die zehn Seminaristen.

 

Aller Abgeschiedenheit und Vorsicht zum Trotz wurde Scalan College, wie das Priesterseminar genannt wurde, mehrfach von englischen Truppen heimgesucht. Beim ersten Mal, 1726, ging die Sache noch recht glimpflich aus: Das Gebäude wurde zwar verwüstet und geplündert, aber die Seminaristen und ihr Master hatten sich rechtzeitig verstecken können. Bei einem weiteren Überfall, kurz nach der Schlacht von Culloden 1746, wurde das Gebäude jedoch bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Man ließ sich aber auch diesmal nicht unterkriegen und baute es wieder auf.

 

Gutes Miteinander

In unmittelbarer Nähe von Scalan College fließt ein Bach, Crombie Burn genannt. Von hier bezogen nicht nur die Bewohner des Priesterseminars ihr Wasser, sondern auch etliche Schwarzbrenner. So ist es wenig verwunderlich, dass man in der Gegend rund um Scalan College die Überreste mehrerer illegaler Destillerien gefunden hat. Dabei handelte es sich allerdings nicht um fest etablierte Betriebe, sondern um Plätze, an denen die Schwarzbrenner in ausgemauerten Erdlöchern Getreide maischten und anschließend über Torffeuern in transportablen Brennblasen destillierten.

 

Der Überlieferung nach sind die Seminaristen den Schwarzbrennern immer gern zur Hand gegangen, denn sie mussten das nicht umsonst tun. Ihr Arbeitslohn bestand, wie sollte es anders sein, aus Whisky oder New Make. Aus dem Jahr 1749 ist urkundlich bezeugt, dass direkt neben dem Priesterseminar „an aquavite pot“ betrieben wurde, also eine Whisky-Brennblase. Der damalige Master sah das mit Besorgnis – aber nicht, weil er seine Seminaristen vom Alkohol fernhalten wollte, sondern weil die Schwarzbrenner allzu leicht ungewollte Aufmerksamkeit erregten.

 

Geistreiche Ausbildung

Im Priesterseminar trank man zu den Mahlzeiten gewöhnlich Bier, näherhin Pot Ale, das im Haus selbst hergestellt wurde, wie aus einer Inventarliste von 1774 hervorgeht. „Mix’d“ oder Blended Whisky gab es als „Erfrischung“ nach schweren Arbeiten, während Malt Whisky besonderen Gelegenheiten vorbehalten war, etwa wenn ein Bischof zu Besuch kam, um Seminaristen nach Abschluss ihrer Ausbildung zu Priestern zu weihen. 1770 musste allerdings ein Hausangestellter entlassen werden, weil er allzu sehr „snuff and whisky“, also Schnupftabak und Whisky, zugesprochen hatte.

 

Das Leben in den Braes of Glenlivet war eben hart. Ebenfalls 1774 notierte der damalige Master: „Die Leute hier trinken ihr Leid hinunter, und mit dem Flachmann vertreiben sie ihre schwermütigen Gedanken.“ Doch selbst das war nicht immer möglich, wie zum Beispiel im Winter 1783. Der war nämlich so lang, dass die letzte Ernte nicht einmal mehr für das nötige Brot reichte und man in den gesamten Braes of Glenlivet kein Getreide übrig hatte, um es zu Whisky zu verarbeiten. Auch aus dem Jahr 1794 berichtet sein Nachfolger, dass man „neither meal nor malt“ im Haus hatte.

 

Bleibende Erinnerung

1799 wurde es schließlich aufgegeben. Sechs Jahre zuvor, 1793, war die „Scottish Catholic Relief Bill“ in Kraft getreten. Die Ausübung des katholischen Glaubens blieb zwar weiterhin verboten, war fortan aber nicht mehr durch Strafen bedroht. Somit war die Zeit gekommen, ein neues Priesterseminar zu gründen, und zwar in einer Gegend mit besserer Infrastruktur und günstigeren Lebensbedingungen. Es entstand auf dem Gutshof Aquhorties, etwa 30 km östlich von Aberdeen. Die Geschichte von Scalan College war damit aber zumindest nicht ganz beendet.

 

Das idyllisch gelegene Gebäude ist heute ein Museum für die Geschichte des schottischen Katholizismus. Wenn man es aufsuchen und besichtigen will, taucht man zugleich tief in die Geschichte des schottischen Whiskys ein: Auf dem Weg hierher passiert man zunächst die The Glenlivet Distillery, kommt einige Kilometer weiter an der Tamnavulin Distillery vorbei und erreicht einen Kilometer vor dem Ziel die Braeval Distillery. Es ist sicher keine schlechte Idee, sich, wenn man schließlich vor Scalan College steht, einen Dram einzuschenken und mit Robert Burns „freedom and whisky“ zu feiern.

 

wasserdeslebens@gmx.net

 

Fotovermerk

Wolfgang F. Rothe; iStock

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