Tasteforum: Ein Expertenurteil über Whisky ohne Altersangabe
NAS-Whisky
Die Technik
Um bei einer Whiskyverkostung zu verlässlichen und aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen, sind mehrere Aspekte entscheidend. Zunächst muss die Verkostung als „Blindverkostung“ stattfinden – das bedeutet, dass die Teilnehmenden nicht wissen, welchen konkreten Whisky sie bewerten. Eine vollständige Blindverkostung, also ganz ohne Informationen, ist jedoch nicht sinnvoll. Deshalb wurden die Proben in sogenannte Flights gruppiert. Die Whiskys passten thematisch zusammen. Normalerweise wird zunächst nach Altersstufen gruppiert, das scheidet bei NAS-Whiskys natürlich aus. Whiskys in Fassstärke wurden separat in einem eigenen Flight verkostet. Bei den Proben handelte es sich um Whiskys ohne Altersangabe, oft auch einfach als NAS „no age statement“ bezeichnet.
Manche davon reiften in speziellen Fässern, also nicht nur Ex-Bourbon. Den Verkostern wurde mitgeteilt, wenn es sich um Fassstärke handelte oder in dem Flight spezielle Fässer für die Reifung zum Einsatz kamen. Insgesamt wurden die 36 Whiskys auf fünf unterschiedlich große Flights verteilt. Die Bewertung erfolgte auf Basis eines 100-Punkte-Systems, das Aspekte wie Farbe, Geruch, Geschmack und Gesamteindruck berücksichtigt. Ein weiterer entscheidender Faktor bei der Durchführung einer Tasting-Runde ist die Anzahl der Verkoster und deren unterschiedlicher Hintergrund. Während viele Wettbewerbe mit fünf bis sieben Jurymitgliedern arbeiten – manchmal sogar weniger –, ist eine kleinere Gruppe nur bedingt sinnvoll. In unserem Fall setzte sich das Panel aus elf Personen zusammen. Eine größere Runde bietet den Vorteil, dass Ausreißer-Bewertungen weniger Einfluss auf das Gesamtergebnis haben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass gelegentlich eine Probe bei einer Person ganz anders ankommt als beim Rest. In größeren Gruppen wird dieser Effekt besser ausgeglichen. Ebenso wichtig ist die Zusammensetzung der Jury. Alle Teilnehmenden sind ausgewiesene Whiskyexperten, doch sie brachten unterschiedliche Perspektiven, berufliche Hintergründe und Ausbildungswege aus der Welt der Spirituosen mit – was die Gesamtbeurteilung zusätzlich bereicherte.
Die Jury
Es ist immer noch eine Herausforderung, fachkundige Frauen für eine Jury zu finden, aber der Pool wird glücklicherweise größer. Zwei Frauen waren Teil der Jury: Stefanie Klöckner von der Brennerei Birkenhof und Sofie Masson von der Destille Brandhaus 7 Whisky. Zu den männlichen Jurymitgliedern gehörten Knud Scheibelt von der Schwarz-Weiß-Bar in Stuttgart (Germany’s Best Whiskybar 2025) und Sebastian Büssing, Brand Ambassador von Loch Lomond und Glen Scotia. Aus der Schweiz waren Mike Spichtig vom Importeur Best Taste Trading, Oliver Strekeisen von der DIWISA AG, Philipp Vollmar, Leiter Marketing von der Langatun Distillery AG, Philip Zollner, Projektleiter bei BrauKon, Remo Zwahlen der Sales Manager von Baur au Lac Vins, sowie der Keepers of the Quaich-Kollege Claudio Bernasconi von der World of Whisky by Waldhaus aus St. Moritz Teil der Jury. Wenn Sie jetzt gezählt haben, kommen Sie nur auf zehn Verkoster – der elfte Tester war der Autor selbst. Nach der Verkostung des allerersten NAS haben wir über diesen Whisky diskutiert, um eine gemeinsame Basis für die weitere Verkostung zu schaffen. Die Jurymitglieder haben bewusst einen unterschiedlichen beruflichen Hintergrund und eine große Whiskykenntnis, sind aber nur zum geringen Teil erfahrene Verkoster. Eine Art Eichung ist daher förderlich für ein valides Ergebnis.
Die Whiskys
Die erste Gruppe Whiskys, sieben Sorten, waren allesamt aus den Highlands und der Speyside. Die meisten Punkte in diesem Flight gingen an den Glen Scotia Victoriana, dicht gefolgt von Glenmorangie Triple Cask Reserve. Auf den dritten Platz, bei exakt gleicher Punktzahl, kamen zwei Whiskys: The Glenlivet Founder´s Reserve, der Einsteiger der Brennerei. Sowie The Glenturret Triple Wood. Wobei gesagt werden kann, dass der gesamte Flight relativ dicht beisammenlag.
Im zweiten Flight hatten wir sieben Whiskys, die mehr oder minder in Sherryfässern reiften oder gefinished wurden. Als Sieger in diesem Flight wurde der The Glendronach Ode to the Valley gekürt. Dieser reifte in Sherry- und Port-Fässern. Der zweite Platz ging an den Tamnavulin Sherry Cask. Platz drei ging an den Kingsbarns, gereift in Ex-Oloroso Sherry Butts.
Im dritten Flight, der mit vier Sorten etwas kleiner ausfiel, kamen eher ungewöhnliche Fässer zum Einsatz. Klarer Sieger wurde der Loch Lomond Golf Edition 2025. Dieser Whisky reifte in Chianti-Fässern. Platz zwei wurde wieder ein Whisky aus „der Feder“ von Dr. Rachel Barrie, der The Glendronach Ode to the Embers, was „Ode an die Glut“ heißt. Er wird als Sherry & Smoke vom Hersteller beschrieben. Platz drei ging an den Glenmorangie Signet, ein Whisky bei dem Chocolate Malt zum Einsatz kommt.
Auch bei den NAS-Whiskys gibt es rauchige Vertreter. So hatten wir hier acht Whiskys zu verkosten. Eigentlich waren es neun Sorten, da wir noch einen deutschen Whisky eingeschmuggelt haben, dieser wurde aber außer Konkurrenz verkostet. In dieser vierten Gruppe gab es einen unangefochtenen ersten Platz. Der Ardbeg Smokiverse, der zum Ardbeg Day 2025 vorgestellt wurde und mit einer „High Gravity Mash“, weniger Wasser und mehr Getreide, hergestellt wurde, überzeugte die Verkoster. Platz zwei hat der Standard Smokehead von Ian MacLeod errungen. Den dritten Platz konnte der Ardnahoe Bholsa erreichen, er reifte zum Großteil in Oloroso-Sherryfässern.
Zu guter Letzt kamen hochprozentige Whiskys auf den Tisch, insgesamt sechs Stück umfasste der Flight. Mit einem geringen Abstand konnte wieder ein Whisky von Rachel Barrie den ersten Platz erringen, mit dem Glendronach Ode to the Dark, der in Pedro Ximenes Fässern reifte. Der Lindores Abbey Exclusive Cask, dieser war mit 61% Vol. der hochprozentigste Whisky bei der gesamten Verkostung, kam auf den zweiten Platz. Dritter Sieger wurde der Ardnamurchan Sherry Cask Release aus Oloroso- und Pedro-Ximénez-Fässern.
Fazit
Wenn man nun die gesamte Verkostung betrachtet, also alle Whiskys in einen Topf wirft, dann zeichnet sich ein gemischtes Bild. Am besten hat der The Glendronach Ode to the Dark abgeschnitten. Hier kann die Master-Blenderin natürlich nach Gusto auch mit einigen älteren Whiskys dem NAS einen Geschmackstwist geben, das können junge Brennereien nicht leisten. Umso erfreulicher ist, dass eine junge Destille wie Lindores Abbey mit dem Exclusive Cask viele bekannte Brennereien auf die Plätze verwies. Hier kann der Brenner und der Blender eben nicht auf ein umfangreiches Lager zurückgreifen. Ebenso wie mit Ardnamurchan eine andere junge Brennerei im gesamten Feld den dritten Platz belegen konnte.
NAS Whisky — Fluch oder Segen?
No Age Statement, also Whisky ohne Altersangabe, ist nicht neu. Zumindest wenn es um Blended Scotch geht. Bei schottischen Single Malts ist es aber eine andere Sache. Der Begriff ist insofern nicht 100 % korrekt, als wir ja das gesetzliche Mindestalter, also drei Jahre, kennen – darunter ist es ja noch kein Whisky. Was sind nun die Gründe, die dafür und die dagegen sprechen? Wer sich erinnern kann: Jahrzehntelang galt das Credo, Single Malt hat eine Altersangabe – meist: je älter, desto besser. Unter zwölf Jahren kam (mit Ausnahmen) für den Connaisseur nichts ins Glas. Das haben uns die Whiskyhersteller jahrelang eingebläut. Freilich geht das nur, wenn man auch die entsprechenden Lagerbestände als Hersteller zur Verfügung hat. Die Hersteller wurden Opfer ihres eigenen Erfolges, denn das Fassmanagement ist die entscheidende Kennzahl erfolgreicher Hersteller. Wird viel verkauft, aber nicht kontinuierlich entsprechend nachproduziert, hat man ein Problem.
Lagavulin 16 ist so ein Beispiel – plötzlich gab es den nicht mehr auf dem deutschen Markt oder nur wenig. Man hat sich dann mit einem Achtjährigen beholfen. Ähnliches gilt oder galt für den The Glenlivet 12 – hier überstieg die Nachfrage das mögliche Angebot. Bei Pernod Ricard behalf man sich mit der Erfindung der Founder’s Reserve – ein Whisky, der angeblich so sein soll wie der erste Single Malt, den die Brennerei nach 1823 hergestellt hat. Mit dem Aberlour A’bunadh wurde ein NAS kreiert, der kein Ersatzprodukt war, sondern bewusst – Betonung auf Sherryfässer und unterschiedliche Batches – neue Wege innerhalb des Portfolios ging. Ebenso Ardbeg – wir wissen, die war lange Zeit mehr oder weniger geschlossen, und es wurde nur sehr wenig (für Blends) destilliert. Natürlich wollte der LVMH-Konzern Umsatz und Geschäft machen. Ardbeg Uigeadail und Corryvreckan sind entstanden – Whiskys ohne Altersangabe. Gleiches gilt für alle neuen Brennereien: Wenn man neu auf den Markt kommt, schreibt man sicher nicht „Dieser Whisky reifte drei Jahre“ auf die Flasche, sondern lässt sich einen schönen Namen einfallen, ein besonderes Fass und/oder eine griffige Geschichte dazu.
NAS hat daher einige Vorteile. Für die Hersteller ist es charmant, aus dem gesamten Lager etwas kreieren zu können, das dauerhaft immer im gleichen Geschmacksspektrum bleibt. Unter Umständen kostengünstiger für den Hersteller und daher ist es auch möglich, die Ware zu einem konkurrenzfähigen Preis anzubieten. Es ist auch relativ einfach, schnell ein diverseres Portfolio auf den Markt zu bringen – mit Varianten. Wenn man das mit Altersangabe macht, braucht man eben auch deutlich unterschiedlich alte Whiskys. Von Verbraucherseite kann man kritisieren: Bei NAS herrscht mangelnde Transparenz – jüngere Komponenten könnten verborgen bleiben oder bewusst verschleiert werden. Beim Whisky gibt es Wellenbewegungen oder Zyklen. Jahrelang galt die Devise: Alter ist gut. Dann wurde dem Verbraucher erzählt: Alter ist nicht entscheidend, der Geschmack zählt. Heute sind wir so weit, dass es eine friedliche Koexistenz beider Varianten gibt. Am Ende bleibt festzuhalten: No Age Statement ist keine Qualitätskategorie, sondern eine Produktionsphilosophie. NAS-Whiskys – wie Ardbeg Uigeadail, Aberlour A'bunadh, Octomore oder der Laphroaig Quarter Cask – stehen traditionellen Age Statements in nichts nach. Sie zeigen, dass auch jüngere Whiskys – mit der richtigen Fasspolitik und handwerklichem Anspruch – bemerkenswerte Tiefe und Komplexität entfalten können. Für die Whiskybranche eröffnet NAS neue kreative und wirtschaftliche Freiräume – vorausgesetzt, die Produzenten begegnen der Verantwortung mit Transparenz, Ehrlichkeit und
handwerklichem Anspruch.
Autor
Bernhard Schäfer
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