Nordischer Whisky – Whisky aus den Ländern der Mitternachtssonne

Whisky aus Skandinavien und dem hohen Norden

Nordischer Whisky aus den Ländern der Mitternachtssonne

Denkt man an Mittsommernachtsszenen im Gegenlicht der tief stehenden Sonne, hat man das Bild von Menschen vor Augen, die über Lagerfeuer springen oder singend um diese Feuer tanzen und dabei ihrer Freude darüber Ausdruck verleihen, dass es in diesen Tagen kaum dunkel wird, dort im hohen Norden. Aktuell gibt es eine zunehmende Pilgerschar von einigen Tausend Whisky-Fans, die genau zu dieser Zeit, Ende Juni, zum „High Coast Whisky-Festival“ an die Ufer des Ångermanälven, des wasserreichsten Flusses im schwedischen Norden, reisen, um dort ihrem Hobby, dem Whisky, in wunderschöner Landschaft und dem Flair solcher Mittsommernächte zu frönen. Ein Bericht über die spannenden Whisky-Destillen Skandinaviens von Peter Bockhoff.

 

Werden das Wasser des Lebens, der Whisky, und das Land Schweden in einem Atemzug genannt, wird den meisten ambitionierten Liebhabern dieser Spirituose der Name Mackmyra in den Sinn kommen; dieser zugleich schottisch wie auch schwedisch klingende Name war es schließlich, der beginnend mit dem neuen Jahrtausend in Schweden wirkliche Pionierarbeit leistete in Sachen Whisky. Knapp 5 Jahre nach der Abschaffung des staatlichen Monopols für die Herstellung von Alkohol kamen acht  Freunde beim Skifahren auf die Idee, ihren eigenen Whisky auf schwedischem Boden zu produzieren, denn die Heimat bot ihrer Meinung nach die besten Voraussetzungen dazu. Der Fortgang der Erfolgsgeschichte ist hinlänglich bekannt: von der ersten selbstgebauten 100-L-Brennblase über das erste Paar Forsyth Potstills im Gebäude der alten Mühle in Mackmyra Bruk bis hin zur Mackmyra Gravity Distillery nahe der Hafenstadt Gävle nördlich von Stockholm. Noch nicht unbedingt zu jedem durchgedrungen ist die Tatsache, dass zur Historie der Marke auch die Insolvenz im Jubiläumsjahr 2024 gehört. Zwar wurden die Rechte und Liegenschaften der Distillery von einem der Anteilseigner nach der Pleite aufgekauft, aber da der neue Besitzer kurze Zeit später verstarb, gibt es momentan keine Produktion bei Mackmyra. Der Fan dieser Marke kann bei seinen Händlern weiterhin Mackmyra-Abfüllungen kaufen, aber kein Außenstehender vermag zurzeit zu sagen, wie und ob es in der Destillerie bei Gävle weitergeht.

 

Die Mackmyra-Erfolgsgeschichte blieb nicht unbemerkt, vielleicht war auch einfach die Zeit reif für einen neuerlichen Siegeszug des Whiskys; in allen Ländern Skandinaviens wurden in den folgenden Jahren Destillen gegründet, die auch Whisky produzierten. Sie alle sind anbei nach Ländern geordnet tabellarisch aufgeführt. Seit dem 18. März 2025 gibt es mit der „Nordic Whisky Collaboration“ auch eine Plattform für die Zusammenarbeit aller nordischen Whiskyproduzenten, so zumindest die Planung der Verantwortlichen von 18 Destillerien, die sich an dem genannten Tag in Stockholm trafen. Die Bekanntesten sollen ein wenig näher beleuchtet werden – bleiben wir zunächst in Schweden.

 

Schweden

Knapp vier Autostunden weiter nördlich von Mackmyra, unweit der Flughafenstadt Kramfors, findet sich die anfangs bereits erwähnte High Coast Distillery (früher Box Dist.), die zwar ein Jahrzehnt später mit der Whiskyproduktion begann, bei Kennern aber sehr schnell mit einer hervorragenden Qualität punktete und nunmehr dabei ist, die Führungsrolle nicht nur in der schwedischen, sondern in der gesamtskandinavischen Whiskylandschaft zu übernehmen. Mit einer Jahresproduktion von 300.000 Litern reinem Alkohol, die mit zwei Potstill-Paaren auch weiter erhöht werden könnte, hat sie bereits seit Längerem die Führungsposition übernommen und erntet aktuell die Früchte ihrer Arbeit mit höchsten Auszeichnungen, etwa einer Platzierung unter den fünf besten Whiskys der Welt bei den "World Whisky Awards" im Frühjahr dieses Jahres. Der „High Coast Sherry Embers“ und der „High Coast Aurora“ sind auch in Deutschland gerade stark auf dem Vormarsch. Da sich in der Folge ein eigener Artikel mit der High Coast Distillery befasst, sollen diese Statements hier zunächst genügen.

 

Eine weitere Destille Schwedens, die nicht ungenannt bleiben darf, ist die Agitator Distillery, die ihrem Namen alle Ehre macht, denn dort geht es im wahrsten Sinne hoch her. Blend-Master und Destillerie-Chef, Oskar Bruno geht überall dort neue Wege, wo man sie gehen kann. Er möchte zeigen, dass der bestmögliche Whisky noch nicht hergestellt wurde. Beginnend mit einer „Nass Mühle“, die nicht nur die Gefahr von Staubexplosionen bannt, sondern auch den Prozess der Zuckergewinnung verkürzt, über die „Mash Tun“, in der er eine „High Gravity Wort“ erzeugt, bis hin zu den beiden Potstill-Paaren, folgt der Master Destiller bei jedem Schritt seinen eigenen Vorstellungen. Nicht allein, dass die Stills im Niederdruckverfahren (Vakuum Stills) betrieben werden können, sie sind zudem in Form und Größe genau aufeinander abgestimmt, jeweils einmal hoch und schlank sowie einmal niedrig und dick (wet mill, high gravity wort, vakuum Still; die Wissenschaft hinter diesen Begriffen sei jedem Leser zum Eigenstudium aufgegeben). Auch bezüglich der Fässer wird jede mögliche Holzart eingesetzt. Im Oktober 2025 wurde Bruno vom schwedischen Whiskyverband mit folgender Begründung in die SWF-Hall of Fame aufgenommen. Diese Zukunft wird in Deutschland seit 2025 von dem ebenso innovativ ausgerichteten Importeur „Spiritheroes“ mitgetragen; man sollte den Agitator Whisky im Auge behalten.

 

Eine zwar kleine, aber sehr feine Destille, an der man keinesfalls vorbeigehen sollte, wenn man sich auf den Spuren schwedischen Whiskys bewegt, ist die Smögen Destillerie bei Hunnebostrand, nördlich von Göteborg. Im Grunde ist das ganze Unternehmen eine „One Man Show“; Pär Caldenby heißt der Whisky-Enthusiast, der hinter dieser Craft Destillerie par excellence steht. Von Hause aus Jurist, hat Pär sich bereits 2010 entschieden, auf kommerziellem Wege Whisky zu produzieren. Seine Liebe gehört den deutlich getorften Whiskys im Stile der Islay Spirits oder besser noch: orientiert am Longrow aus Campbeltown. Der Whisky heißt wie seine Destillerie: Smögen, von dem er etwa 10.000 Liter im Jahr mit zwei relativ kleinen und direkt befeuerten Brennblasen herstellt. Eine Besonderheit, wohl einmalig in Schweden, ist die Dreifach-Destillation und die Verwendung von Worm-Tube-Kondensern. Insgesamt muss aufgrund der Kapazitäten von einer Mikro-Craft-Distillery gesprochen werden, aber nichtsdestoweniger will der Smögen mit den Großen konkurrieren; nach seinen Ansprüchen an den Whisky befragt, antwortet der Master-Destiller: „Er muss Eindruck machen! Man muss ihn nicht unbedingt mögen, aber er muss einen bleibenden Eindruck hinterlassen, an den man sich erinnert!“ Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass bei Smögen auch ein ungetorfter Whisky hergestellt wird, der aber einen anderen Namen bekommt: Askeim. Auf diese Weise assoziiert der Kenner mit dem Namen Smögen immer einen heavily peated Whisky.

 

An unserer letzten Station in Schweden werfen wir einen Blick auf die im Öresund gelegene Insel-Destille „Spirit of Hven“, die in vielerlei Hinsicht als durchaus besonders bezeichnet werden darf; zunächst ist die Brennerei einem 4-Sterne-Hotel mit Feinschmecker-Restaurant und Spa zugeordnet, das zudem über eine einzigartige Wein- und Whisky-Bar verfügt. Dann gehört ein international arbeitendes Chemielabor zu dem Unternehmen, in dem es um Aromen, um Geruch und Geschmack geht. Zusammen mit der Landwirtschaft auf der Insel, die über die besten klimatischen Bedingungen für den Anbau von Getreide in ganz Schweden verfügt, bietet dies ideale Voraussetzungen für eine Brennerei. So begann die Familie Molin bereits 2008 mit der Herstellung ihres Whiskys, war also zeitlich gesehen die Nr. 2 nach Mackmyra. Lag es daran, dass man für den Eigenbedarf im Hotel produzierte, oder lag es an der relativen Isolation auf der Insel «Ven»? Es dauerte ein paar Jahre, bis man von dem Spirit of Hven-Whisky hörte. Bei den World Whisky Awards 2020 z. B. wurde der „Spirit of Hven 7 Stars Alkaid“ Single Malt zum besten Whisky Schwedens gekürt. Anders als noch vor einigen Jahren kann heute ein Hven-Whisky auch problemlos in Deutschland erworben werden. Dabei besitzt die ikonische Flasche in Form eines Erlenmeyer-Kolbens den höchsten Wiedererkennungswert. Bemerkenswert übrigens, dass der Hven-Gründer, Henric Molin, nach seinen Whisky-Ikonen befragt, J. R. Euwing aus der Fernsehserie Dallas nennt, der die Welt in den achtziger Jahren gelehrt habe, Whisky zu trinken sei cool!

 

Dänemark

Springen wir rüber aufs dänische Festland und begeben uns an die Westküste, wo zwei Destillen mit ihrem Whisky von sich reden gemacht haben; zunächst sei die etwas südlicher bei Skjern gelegene Stauning Destille näher betrachtet, deren Anfänge ähnlich wie bei Mackmyra gelagert sind, nur rund 6 Jahre später, 2005. Neun Freunde wollen die Idee der Herstellung eines eigenen Whiskys umsetzen, legen dazu Geld zusammen, schaffen eine kleine Alembic-Brennblase an und beginnen ihr Werk in einer alten Metzgerei. Alles wurde selbst gemacht: Mälzen, Maischen, Fermentieren, Brennen, Abfüllen. Hans Martin Hansgaard, wichtigster Protagonist aus dem Gründerkreis, erzählt, dass alles ein Hobby war, eine Wochenendbeschäftigung, die zu ein paar Fässern eigenen Whiskys führen sollte, aber nach einigem Experimentieren und Lernen war das Ergebnis so gut, dass man auf den Stauning Hof umzog und ein wenig professioneller wurde. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wurde größer, als Jim Murray sie besuchte und ihren Whisky mit dem Ardbeg aus vergangenen Tagen verglich.

 

Als dann 2015 Diageo mit seinem Accelerator-Programm, „Distill Ventures“, mit Millionenbeträgen bei Stauning einstieg, wurden die kühnsten Träume wahr: Eine neue, in ganz eigenem Stil gehaltene Stauning Destillerie mit 24 kleinen und direkt befeuerten Alembic Brennblasen wurde gebaut, mit einer Produktionskapazität von einer Million Liter Alkohol. Bekannt für seine Double Malts, einer Mischung aus Rye- und Gersten-Malz, laufen die Geschäfte bestens. Stauning Rye, Stauning Høst und Stauning Røg „sind in aller Munde“, aber einige Jahre später (2025) kommt der Schock: Diageo beendet seine Investitionen bei vielen jungen Destillen, auch bei Stauning, was das Unternehmen zu einer strategischen Neuausrichtung zwingt. Man besitzt dort jedoch inzwischen einen gewaltigen „Whisky Stock“, sodass die Zukunft gesichert erscheint. Die Aufgabe lautet Konsolidierung und nachhaltiges Wachstum in Kernmärkten wie Dänemark und Deutschland. Genau diesen Weg gehen die Verantwortlichen mit der Präsentation herausragender neuer Produkte, wie dem neuen „R.Y.E. PX“, ihrem ersten Sherry-Standard, einer besonders üppigen und vielschichtigen Interpretation des etablierten Roggenwhiskys.

 

Der andere Whiskyproduzent an der Westküste, bei dem noch näher am Nordseestrand gelegenen Örtchen Snedsted, ist die Thy Destillerie, benannt nach dem sie umgebenden Nationalpark. Sie ist eine typische Farm Distillery, die ihre starke Verwurzelung in der Landwirtschaft auch mit ihren Whiskys deutlich machen möchte. Alte Getreidesorten wie Emmer, Dinkel und Spelt spielen neben Roggen und Gerste eine wichtige Rolle in der Destille, und man betreibt seit Jahren eine intensive Forschungsarbeit an alten, robusten, teils vergessenen Getreidesorten. Der große, im Karree angelegte Gutshof, der sich seit den 1770er-Jahren im Familienbesitz befindet, bietet gewaltig viel Platz für eine Destille samt Fasslager. Die Auszeichnung als „Best Single Estate Distillery of the World“ bei den World Whisky Awards 2024 ist nur die konsequente Folge dieser Arbeit. Destilliert wird mit einer 1.000-Liter-Brennblase aus Deutschland und einer kleinen Säule ohne Böden mit einer Kapazität von etwa 50.000 Liter Alkohol pro Jahr, und obwohl man 3 kleine Mälztrommeln besitzt, ist der gesamte Betrieb nach dem Prinzip „from Grain to glass“ doch als handwerkliche Brennerei im wahrsten Sinne des Wortes zu verstehen. Da mit einigen „Heritage Barley“ Sorten gearbeitet wird, die verschiedenste Aromenprofile schon im Newmake ergeben, ist die geschmackliche Bandbreite der Thy Whiskys recht groß; inzwischen gibt es aber eine Core Range neben den Limited Editions und den Einzelfassabfüllungen. Ein besonderer Tipp ist die Thy Whisky - Distillery Edition - Imperial Vintage 2019.

 

Eine andere Destille soll noch kurz Erwähnung finden, da sie in 2025 in Dänemark zur „Distillery of the Year“ gekürt wurde: die Nyborg-Distillery, benannt nach dem Städtchen an der Ostküste der Insel Fünen. Die Brüder Rømer, schon seit 2009 mit der Herstellung von Whisky befasst, fanden nach etlichen Jahren der Restaurierung in dem historischen Gebäude einer Güterzug-Werkstatt eine sehr schöne Heimat für ihren „Isle of Fionia Whisky“ und weitere Spirituosen. Die neuen Räumlichkeiten umfassen auch einen Shop und ein sehr schönes Restaurant mit großer Bar, die der Destille angegliedert sind. Mit einer Produktion von knapp 30.000 Litern gehört Nyborg schon zu den größeren Destillen in Dänemark. Ihre 12- und 15-jährigen Whiskys werden mit Preisen überhäuft und sind kaum zu bekommen, weil sie immer ausverkauft sind. Auf deutschen Messen bringt der Importeur ESK Spirits den Isle of Fiona Whisky nach vorn.

 

Norwegen

Der Weg führt weiter nach Norwegen, wo drei Destillen exemplarisch näher betrachtet werden sollen. Wir beginnen bei der nördlichsten Destillerie nicht nur Norwegens, sondern der Welt überhaupt, bei der Aurora Distillery jenseits des Polarkreises, die in diesem Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum feiert. Wichtigster Mann vor Ort ist CEO und Mitbegründer Tor P.W. Petterson der die Geschicke des Unternehmens leitet. Ein Blick auf die Whiskys, die unter der Marke Bivrost firmieren, zeigt gleich, dass für diese Destille die nordische Sagenwelt von großer Bedeutung ist. So heißt der Core Whisky „Bivrost Yggdrasil“, also der Weltenbaum, der die 9 Welten der Sage, von Niflheim bis Midgard, trägt, die wiederum durch den Bivrost, die Weltenbrücke, miteinander verbunden werden können. Die 9 Welten geben den Whiskys der inzwischen vollendeten ÆSIR-Serie ihren Namen.

 

Die Aurora Destillerie ist inzwischen bei einer Produktion von etwa 50.000 Liter Alkohol angelangt und gehört damit zu den Größten Norwegens. Nach einigen Jahren des Mühens und mancher Rückschläge erntet man inzwischen einige Tonnen heimischer, also in der Arktis gewachsener Gerste, die ein ganz eigenes Aromenprofil aufweist; Tor Petterson sagt, das müsse man probieren, um es zu verstehen. Neben der Alkoholproduktion setzt das Unternehmen von Beginn an auf die Touristik-Sparte, um die Besonderheiten des Nordens für sich zu nutzen. Man verfügt über eigene Unterkünfte und bewirbt diese für Firmenevents und private Gruppen. Die Bilder von Touren mit Elektroschneemobilen in den Lyngen Alpen sind sehr beeindruckend.

 

Vom hohen Norden des beinahe 70. Breitengrades springen wir auf den 66. zurück zur Myken Distillery auf der gleichnamigen Insel, 32 Kilometer vor der Westküste. Myken war nach der Beseitigung des staatlichen Alkohol-Monopols in Norwegen die erste arktische Whisky-Destille. Aus einer Laune heraus kauften einige Freunde die alten Hallen einer geschlossenen Fischfabrik und begannen nach durchaus schwierigen Renovierungsarbeiten – die staatlichen Auflagen waren erheblich – mit drei kleinen, direkt befeuerten Hoga Stills aus Spanien zu brennen. Die gesamte Bevölkerung stand hinter ihrem Streben, denn wirtschaftlich war auf der Insel kaum noch eine Aktivität zu verzeichnen, und alle halfen in den Anfängen ehrenamtlich und unentgeltlich. Zwischen Weihnachten 2014 und dem folgenden Mai wurden ganze 9 Fässer befüllt. Aber Hilfe kam von allen Seiten der Whisky-Szene, auch Roger Melander aus der fernen High Coast Distillery hatte seine Hände im Spiel. Einige Jahre später wurden die alten Fischhallen zu eng und man baute die „Whisky-Kathedrale“, ein inzwischen vielfach preisgekröntes und kaum isoliertes Allzweckgebäude, in dem heute 2.500 Fässer lagern und in dem Musikkonzerte wie auch Whisky-Events stattfinden. Neben dem Aushängeschild, dem „Ocean Heart“ Whisky und der torfigen Variante, dem „Sea Mist“ schauen die Gründer, Roar Larsen und Trude Tokle, bereits stolz auf ihren ersten 10-jährigen Whisky, der auch so heißt: „First 10 Years“. Abgefüllt wird mit zumeist 47 % Vol. Seit Beginn dieses Jahres möchte Myken zusammen mit Kirsch Import auch den deutschen Markt für sich gewinnen. Die schönen Flaschen fallen gleich ins Auge.

 

Eine weitere Zehnjährige liegt im Süden Norwegens und besitzt ein ungewöhnliches Alleinstellungsmerkmal: Die Gemeinschaft der Besitzer ist rein weiblich. Der Name des Unternehmens lautet „Feddie Ocean Distillery“ und  läuft unter dem Motto: „Von Frauen geführt – für den Fortschritt gemacht.“ Da Feddie den alten Namen der kleinen Insel nutzt, auf der wirtschaftlich kaum etwas geht, gibt es auch den Satz: „Frauen und Whisky retten Fedje.“ Auch wenn die Satzungen des Unternehmens besagen, dass nur Frauen investieren dürfen, so bedeutet das keine Männerfeindlichkeit, in der Destille arbeiten durchaus auch Männer. Man verfügt über eine Hybrid-Brennanlage, bestehend aus Potstill und Säule, die miteinander oder auch separat betrieben werden können und so eine höhere Flexibilität bieten. 2018 gegründet, liegen inzwischen knapp 1.500 Fässer im Lagerhaus auf Fedje. Der Feddie Whisky ist wie alle Produkte des Hauses biozertifiziert. Nachdem in den Anfängen zwei junge Schotten die ersten Fässer produzierten, startete man mit Martin T. Smith als CEO neu durch und konnte 2024 den ersten Whisky auf den Markt bringen. Mehr als 7000 Flaschen Feddie Single Malt aus Batch 1A und 1B wurden in wenigen Wochen verkauft, womit wohl niemand gerechnet hatte, denn das Geschäft in Norwegen ist nicht einfach; CEO Martin spricht im Interview von einem „bumpy ride“. Mit einer Produktion von bis zu 50.000 Liter bleibt man eine kleine Craft Distillery.


Finnland

Schweden, Dänemark, Norwegen – aus dem Verbund skandinavischer Länder bleibt Finnland, wo sich zwei Destillen finden, an denen man in der Whiskyszene nicht mehr vorbeikommt: Kyrö und Teerenpeli. Beide im südlichen Teil des Landes gelegen, ist Letztere mit dem Gründungsjahr 2002 die deutlich Ältere. Interessant ist die Bedeutung des Namens Teerenpeli, der im Deutschen mit „Balzspiel des Birkhuhns“ zu übersetzen ist. Seit 1995 produzierte der Gründer Anssi Pyysing bereits Bier in Lahti; sieben Jahre später installierte er im Gebäude des Restaurants Taivaanranta im Lahti-City-Center die Original Teerenpeli Distillery, die nach wenigen Jahren zu klein war und 2015 durch eine größere Destille bei der Brauerei, knapp 10 Minuten vom City Center entfernt, erweitert wurde. Heute ist Teerenpeli mit einer Produktion von 100.000 Liter Alkohol die größte Whisky-Distillery Finnlands und mit Preisen und Auszeichnungen regelrecht überhäuft. In Deutschland sind die Whiskys sowohl im Original als auch von unabhängigen Abfüllern in jedem Fachgeschäft zu bekommen.

 

Auf der Homepage der zehn Jahre später gegründeten Kyrö Distillery bezeichnet sich das Unternehmen selbst als ein ständig wachsendes Abenteuer auf dem Weg zur jeweils nächsten Etappe. Die tollsten Ideen zu solchen Abenteuern werden in Finnland in der Sauna geboren. In diesem Fall war es halt die Idee, einen Roggen-Whisky im eigenen Land herzustellen; in den Anfängen mit viel Improvisation und geliehenem Equipment, seit 2014 als eine gediegene Distilling Company, die in dem Dörfchen Isokyrö in einer ausgedienten Molkerei zu Hause ist. CEO Jouni Ritola erzählt stolz von der Produktion mit zwei großen Potstills, einem Restaurant, Visitor Center mit Shop und vielen Mitarbeitern im In- und Ausland. In Deutschland kennt man Micha Fritzen, der auf Messen und Tastings sehr aktiv ist, und da sie in Finnland keine Kilts besitzen, kommt er oft im Original-Sauna-Bademantel.  Seit 2024 gibt es auch eine Kyrö Whisky-Core-Range, bestehend aus vier verschiedenen Rye Whiskys, die die Vielseitigkeit des Roggens abbilden sollen. Die neuesten Releases, die einige Aufmerksamkeit erzeugten, waren Anfang Juni die beiden „Game of Thrones“-Abfüllungen: „Whisky of Blood“ und „Whisky of Fire“.

 

Island und Färöer

Last but not least soll die Eimverk Distillery auf Island zu ihrem Recht kommen; seit 2009 gibt es die familiengeführte Brennerei, in der alles Marke Eigenbau ist. Man hat vier Jahre an der Brennanlage gebaut und mit Rezepten experimentiert, bevor die Produktion, die heute mehr als 30.000 Liter Alkohol pro Jahr umfasst, wirklich beginnen konnte. Aufmerksamkeit erregte der Floki-Whisky, benannt nach einem Wikingerführer, der einst die Insel Island entdeckte und besiedelte, durch die Tatsache, dass zum Räuchern des Malzes Schafsdung verwandt wird. Dabei betont Halli Thorkelsson, Gründer des Betriebes am Rande von Reykjavík, dass die Isländer immer schon diesen getrockneten Mist zum Räuchern von Fleisch und Fisch benutzten. Bei Eimverk wird die gesamte Maische, die je zur Hälfte aus gemälzter und ungemälzter heimischer Gerste besteht, fermentiert und auch gebrannt. Fakt ist, dass Flóki seine ganz eigenen Geschmacksnuancen aufzuweisen hat, insbesondere wenn Honigwein-Fässer zur Reifung eingesetzt werden.

 

Der letzte Blick soll auf den kleinen Archipel der Färöerinseln gerichtet sein, der ziemlich mittig zwischen Island und der Küste Norwegens liegt. So winzig diese Inseln sind, beherbergen sie doch Pot-Stills, die sich größenmäßig zu den Top Five Skandinaviens zählen. Die Rede ist von der Faer Distillery, die 2020 von färöischen Whisky-Enthusiasten gegründet und via internationalem Crowdinvesting finanziert wurde und weiterhin wird. Von absoluten Top-Fachleuten begleitet und ist wunderbar durchstrukturiert, wird dort seit 2023 gebrannt, und man hofft, im November 2026 den Inaugural Whisky herausbringen zu können. Der Erfolg der kleineren, schon länger auf Fäerör produzierenden Einar’s Distillery stärkt die Zuversicht auf beste Geschäfte, was die stetig steigende Zahl der Investoren belegt. Der geschäftsführende Direktor Dánial Hoydal gibt die maximale Produktionskapazität mit ca. 500.000 Litern Alkohol an. Die besondere Aufmerksamkeit in der Produktionskette gilt der Lagerung in sogenannten „Opnahjallur“, das sind traditionelle Hütten oder Hallen, die nicht wirklich dicht sind und Wind und Wetter nicht aussperren. Wenn es denn richtig ist, dass der weitaus größte Teil der Whisky-Aromatik den Fässern und den Reifungsbedingungen entstammt, dürfen die Macher einen sehr typischen Whisky erwarten. Dave Broom jedenfalls ist schon von den Zwischenprodukten begeistert: „Dieser Stoff ist ein weiterer Meilenstein in der immer beeindruckenderen Riege nordischer Malts.“

 

In ähnlicher Weise möchte eine neue Marke die Klima- und Witterungsbedingungen auf den Färoerinseln nutzen: „Heinason Whisky“, der den färöischstämmigen Marinehelden Magnus Heinason feiert, der im 16. Jahrhundert die Gewässer zwischen Norwegen und Grönland befuhr und verteidigte. Der New Make wird in Dänemark in der THORNÆS Mikro-Destillery produziert und auf den Färöer in einer umgebauten Radiostation aus der Zeit des 2. Weltkrieges gelagert und gereift. Der wichtigste Impact wird allerdings dem Kirvi-Wasser, einer berühmten unterirdischen Quelle im Vulkanstein zugeschrieben, das zum „Einstellen“ des Whiskys benutzt wird. Das Ergebnis: Ein Whisky, kühn, widerstandsfähig und charakterstark wie sein Namensgeber. Er sei für all jene geschaffen, „die die Fackel der wagemutigen Entdeckung in ihren Herzen tragen.“

 

An erster Stelle einer abschließenden Betrachtung der vielfältigen Stilrichtungen des „Nordic Whisky“ muss die Tatsache stehen, dass nirgendwo in Skandinavien Whisky für eine Blend-Industrie produziert wird. Anders als in Schottland, wo fast alle Destillerien nach wie vor mehr als 90 % ihrer Produktion an die Hersteller günstiger Supermarkt-Whiskys verkaufen, sind in den nordischen Ländern ausschließlich Enthusiasten am Werk, die guten Single Malt herstellen möchten! Natürlich soll und muss Geld verdient werden, aber nicht mit dem x-ten Gemisch aus Grain und Malt, sondern mit meisterlichen Malt- und Rye-Whiskys, die den König der Spirituosen ehren, neben dem im Norden meistgetrunkenen Aquavit oder auch dem Gin und Wodka. Ja, nach wie vor gibt es viele Dinge, die im Allgemeinen eher mit den Ländern der Mitternachtssonne assoziiert werden als ein edler Whisky, aber der Kenner und Connaisseur weiß, dass es gerade dort wunderbare Tropfen gibt, die die Whiskyszene deutlich bereichern.


Eine Übersicht der Destillerien

Übersicht der Whisky-Destillerien

Bezugsquellen

ESK-Spirits
(Isle of Fionia)
www.esk-spirits.de

 

Kirsch Import GmbH & Co. KG
(Floki, Myken, Stauning, Smögen, Teerenpeli)
www.kirschwhisky.de

 

Rising Brands GmbH
(Kyrö)
www.sierra-madre.de

 

Sansibar Whisky GmbH
(High Coast)
www.sansibar-whisky.com

 

Spheric Spirits GmbH
(Bivrost)
www.bivrost.de

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